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Sonntag, Mai 06, 2007

Franzosen zur Wahl!

Manchmal hat man das Gefühl in einem sehr kleinen Land zu wohnen: Bei den Wahlen zum nächsten Präsidenten müssen wir nur etwa 20 Minuten laufen um in der Rue de Solférino zu landen: Dem Hauptquartier der "Parti Socialiste".

Paris war heute in zwei Ufer aufgeteilt: Rive Gauche mit dem Hauptquartier der Linken und all den "militants", die davor auf die erlösende Botschaft um exakt acht Uhr warteten und auf der anderen Seite Rive droite: Dort auf dem Place de la Concorde würde später Sarkozy seinen Sieg feiern. Dass wir in der Rue de Solférino auf der Verliererseite stehen, wissen wir zunächst zwar nicht sicher, doch irgendwie ahnen es viele.

In Frankreich gibt es - um Beeinflussung zu vermeiden - bis exakt acht Uhr keine Angaben über den Stand der Wahlen. Doch Informationen von ausländischen Nachrichtensendern sickern durch: Es steht schlecht für die Linken und so ist die Stimmung vor dem großen Gebäude der Sozialisten in der Rue Solferino nur gedämpft euphorisch - die Hoffnung stirbt zuletzt. Wer in die Fenster des Hauses schaut und die vereinzelten Mitarbeiter der Sozialisten sieht, ist bestätigt in seinen negativen Vorahnungen.

Warum wir auf dieser Seite und nicht bei Sarkozy stehen? Nun - es ist näher, einige Freunde sind da und außerdem wäre es wirklich peinlich - falls Royal für die Sozialisten doch gewinnt - für den konservativen, männlichen Kandidaten gefiebert zu haben. Im Endeffekt können wir hier als Ausländer nicht wählen und fühlen uns mehr als "Beobachter" der Szene.
Die Straße füllt sich mit Jungsozialisten die Rosen und Plakate hochhalten. Aus jeder Richtung grinst einen Ségolène Royal von Bannern entgegen. Internationale Kamerateams gehen überall in Stellung.

Schließlich kriege ich Durst und laufe mit einem französischen Bekannten in Richtung Bierstand, wo für soziale 6 Euro halbliter-Becher Bier verteilt werden. Auf dem Weg laufen wir den Sicherheitsleuten von Strauss-Kahn in die Arme, der sich gerade den Weg durch die Menge bahnt. Der Mann, der sich nur flüchtig für "Merci-Merci" Rufe bedankt wäre Ministerpräsident geworden - hätte Royal gewonnen. Noch ist offiziell alles offen.

Als sich die magische Uhrzeit nähert, kurz vor acht Uhr, geht der Großbildschirm auf Sendung und überträgt die Stimmung aus den beiden Lagern. Jedesmal wenn die Kamera unsere Straße einfängt geht ein ohrenbetäubender Jubel los - zeigt das Fernsehen das Gegenlager gibt es laute Buh-Rufe.
Acht Uhr. Auf dem Bildschirm erscheint eine französische Fahne. Dahinter verbirgt sich das Antlitz des neuen Präsidenten - als die Fahne fällt ist es kurz, als hätte jemand schon wieder Kennedy erschossen.

Augenblicklich kippt die Stimmung. Buhrufe, Mittelfinger und Tränen wohin man schaut. Auch zwei aus unserer Gruppe können sich nicht mehr beherrschen und weinen hemmungslos während sie Rose und Mittelfinger weiterhin stoisch in die Höhe halten - ein gefundenes Motiv für die Fotografen.

Auch ich schieße fleißig Fotos - im Album kann man bis etwa zu Bild zehn noch hoffnungsvolle Gesichter sehen, dann greift die Verzeiflung um sich.

Die Stimmung bessert sich erst wieder als schließlich Ségolène eintrifft: Etwa eine halbe Stunde nach der Wahl bahnt sie sich erst den Weg durch die Masse und tritt dann auf den Balkon. Mit Durchhalteparolen und lobenden Worten - vor allem über den hohen Grad der Mobilisierung unter den Jugendlichen - kann sie die Stimmung wieder ein bisschen heben. Die Wahl hat sie verloren. Viele ihrer jungen Anhänger sind an sozialistische Niederlagen noch nicht so gewöhnt. Die Hauptakteure dieser Partei in Frankreich sind es mit Sicherheit.

Später am Abend ruft mich Daryl an, der mit uns in der Rue Solferino gewesen war und anschließend zu Bastille weitergefahren ist. Er hat Tränengas abbekommen, weil die extreme Linke die dort angesetzte Siegesfeier der Linken für ihre eigenen Motive missbrauchen wollte. Schon vor den Wahlen wurde davor gewarnt, dass im Falle eines Sieges für Sarkozy Unruhen ausbrechen könnten - die nächsten Tage werden zeigen ob die Befürchtung berechtigt war.

Foto: Ségolène präsentiert sich uns nachdem sie im Fernsehen bereits ihre Niederlage eingestanden hat.

> > hier gehts zum Fotoalbum

Donnerstag, Mai 03, 2007

Von letzten Gefechten und Weltraumpsychologen


Mein Memoir ist fertig! Die letzten Tage waren bestimmt von Übersetzungs- und Korrekturorgien, die Angst nicht fertig zu werden hat sich aber nicht bewahrheitet. Am Tag der Abgabe war im Computerlabor der Uni aber noch einiges los: Da wurden noch schnell Schlusssätze formuliert und Inhaltverzeichnisse angelegt - der Franzose an sich ist, wie ich, nicht so gut im Vorarbeiten.
Und so war ich in den letzten Tagen ein bisschen von meiner Umwelt abgeschnitten, als mich inmitten der ganzen Arbeit eine SMS erreichte: "Hört ihr uns bei euch zuhause? Es ist verdammt laut hier im Stadion!"
Das Stadion von dem da die Rede war, ist tatsächlich nicht weit von uns entfernt und drinnen stand vor vielen Fans: Ségolène, die schöne Sozialistin. Das Rennen ist quasi zuende. Am Sonntag ist die Wahl und es wird wohl langweiliger ausgehen als es möglich wäre. Obwohl: Ich wüsste nicht wen ich wählen sollte. Beide Kandidaten sind mir zu arg - zu arg rechts oder zu arg links. 35-Stunden-Wochen für Kleinbetriebe? Mehr Polizei und härtere Strafen gegen kleinkriminelle Banlieusards? Ich weiß nicht recht, die Entscheidung zwischen Pest oder Cholera will mir nicht leicht fallen.
Und so ist auch in meinem Umfeld die Meinung gespalten. Aurelie zum Beispiel will alles außer Ségolène - die ist ihr zu blöd. Daryl bedauert sehr, dass er als Amerikaner Ségo nicht wählen darf und ist Verfasser der obenstehenden SMS.
Das letzte Gefecht zwischen beiden Kandidaten, das direkt-übertragene TV-Duell habe ich übrigens nicht gesehen. Zu dem Zeitpunkt war ich gerade in eine Unterhaltung mit einem Weltraumpsychologen vertieft.
Lustig, was für Menschen man doch so trifft, in der "Association Franco-Allemande" von der ich letztens schon berichtete. Während wir übrigens genau gegenüber der französischen Weltraumbehörde im "Sous Boc" saßen, erzählte mir Alex von seiner schwierigen Mission: Weltraumpsychologen untersuchen die Auswirkungen von Zusammenleben auf engem Raum in gefährlichen Umgebungen über lange Zeit. Die Arbeit zielt also schon ziemlich direkt auf eine eventuelle bemannte Marsmission in ungefähr 30 Jahren ab. Und da ist noch einiges an Basis-Forschung zu betreiben. Zum Beispiel können sich gegenseitig nervende Astronauten nicht mal kurz vor die Tür treten um eine zu rauchen. Sie können die Erde von ihrem kleinen Raumschiff aus ja für lange Zeit nicht einmal sehen!
Die interessante Unterhaltung hat mich persönlich auf den Gedanken gebracht, dass ERASMUS-Studenten in Paris ein ziemlich gutes Versuchsfeld für Weltraumpsychologie abgeben: Sie leben etwa ein Jahr auf engem Raum in kleinen WGs zusammen. Auch ich bin sieben Stockwerke vom Planeten Erde entfernt und: Ich rauche nicht.

Foto: Jede Woche eine Demonstration: Direkt vor unserer Wohnung erfährt man regelmäßig, dass Gewerkschaften in Frankreich noch eine große Rolle spielen.

Freitag, April 27, 2007

Schwein in Paris

Morgens früh aus den Federn, auf der Suche nach dem nächsten Wochenmarkt ist mir jenes erste Foto dieser Reihe gelungen, wobei ich mir selbst auf die Schulter klopfte und dachte: "Das ist aber ein tolles Foto - in Paris werden früh morgens also noch Schweine auf Karren von Schlachter zu Metzger verbracht". Obwohl ich eigentlich keine Ahnung über die logistische Organisation zwischen Pariser Schlacht- und Metzgereibetrieben besitze kam mir diese Praxis irgendwie anachronistisch und doch mal wieder "typisch französisch" vor. Noch besser für das Foto!
Doch halt! Wieso sieht die Szene eigentlich so gespielt aus? Muss das ganze Schlachter-Team mit, wenn Schweine verlegt werden? Und was machen die anderen Fotografen da hinten eigentlich? Der ewige Zweifel stieg auf und nachdem ich mir zunehmend die Frage nach der Schweinehygiene stellte - insbesondere in Zusammenhang mit dem Hund der nun auftauchte und das arme Vieh zu gern aufgefressen hätte - beschloss ich mit der Kamera auf Bereitschaft zu bleiben. Die folgende Fotoserie zeugt davon, dass ich es kaum besser hätte treffen können: Nicht nur, dass das Schwein echt ist - es ist auch beliebt: Die Schlachter-Equipe lässt es duschen und an diesem schönen Pariser Freitag-Morgen an einem kleinen Gläschen teilhaben. Da wird man glatt (auch) zum Vegetarier. (Auf die Fotos klicken, um sie zu vergrößern.)

Samstag, März 31, 2007

Billig Leben in Paris (5) - Culture moins chère

Wir haben mal wieder Besucher im Haus. Ein netter Anlass mal wieder richtig essen zu gehen - in eine der Creperien um die Ecke. Als ich mein Galette "Guéméné" bestelle wird die Bedienung skeptisch. "Mein Herr, der Koch empfiehlt dieses Gericht ausdrücklich nicht unseren ausländischen Gästen." Ich weiß nicht warum ich die Zweifel in den Wind schlage, am Ende sitze ich da mit einem Teller, der - wenn mich nicht alles täuscht - stinkt.
Runde fleischartige Kringel sind zu sehen, etwas scheint dort aufgerollt zu sein, die Kringel erheben sich wie kleine Brüste nach oben. Tapfer setze ich zum Verzehr an.
Wenn es ums Essen geht bin ich kein Kostverächter und durchaus auch neugierig auf Neues. Der Geruch überträgt sich glücklicherweise nicht eins zu eins auf den Geschmack - angenehm ist das alles jedoch nicht gerade.
Mein Mitbewohner ist ziemlich schockiert. Er schreibt eine Nachricht an einen französischen Freund und beschreibt ihm die abscheuliche Mahlzeit mit Bitte um Aufklärung. Die Antwort kommt zwei Minuten nachdem ich den Teller vollständig geleert habe: Ich habe soeben Darm gegessen - die Franzosen nennen das ganze viel feinsinniger "Andouille".

Eine kurze Recherche im Internet bestätigt: "Die Andouille ist eine französische Wurst, die im Wesentlichen aus dem Gekröse (bestimmte, sonst eher verschmähte Innereien) von Schlachttieren besteht, vor allem von Schweinen. Kleinere Formen sind auch als Andouillettes erhältlich."

Eine andere kulinarische Attraktion, die wir letztens "entdeckt" und daraufhin überaus reichlich konsumiert haben, ist der Champagner der Marke "Montparnasse". Das Gesöff ist nicht nur nach dem verkehrsreichen Platz und Bahnhof direkt vor unserer Haustür benannt - er kostet auch nicht mehr als 1,20 Euro und schmeckt entsprechend. Achtung beim Öffnen: Billiger Champagner ist für seine Explosivität bekannt - dieser hier hat tatsächlich eine Delle in unserer Decke hinterlassen.

Von billig zu noch billiger: Eines der billigsten Güter in Paris ist seine Kultur. Und damit wären wir endlich beim geplanten Thema des Artikels.
Dass Kultur hier so billig zu haben ist liegt vielleicht daran, dass sie hier im Überfluss vorhanden ist. An Sonntagen kann man von einer Kirche zur nächsten wandern und wird immer wieder in kostenlose Klavierkonzerte oder ganze Orchestervorführungen stolpern. Wenn man schon vorher wissen will, was überall gespielt wird, kann man sich am Zeitungskiosk "L'Officiel" holen, einen kleinen Terminkalender für mehrere Wochen.
Aber auch die "großen Künste" sind nicht unerschwinglich. Eine Vier-Stunden-Komplett-Oper gibts schon ab 6 Euro pro Student. Vor einer Woche waren wir zu diesem Preis in Händels "Ariodante" im "Theatre des Champs Elysées". Unsere Plätze waren ganz oben, in einer Art Holzkabine mit Fenster. Wenn der Stuhl auch noch ganz am Fenster steht, kann man ziemlich gut sehen, was vor sich geht. Wenn man in der zweiten Reihe sitzt bleibt nur zuhören oder aufstehen.
Eher zufällig nochmal große Kunst gabs dann letzten Sonntag: Zu einem kostenlosen Orgelkonzert in einer sehr modernen Kirche in der Nähe von Bastille war auch eine englische Opernsängerin erschienen.
Und die sang nicht nur - vom Publikum großenteils eher unerwartet begann sie, in aufwendigen Verkleidungen durch das ganze Gotteshaus zu huschen und an den überraschendsten Orten aufzutauchen. Bei einigen Besuchern konnte sie nicht widerstehen auch mal ganz spontan in die Haare zu greifen. Die Dame von der Pforte, wahrscheinlich die Vorsitzende des Pfarrgemeinderates oder etwas ähnliches, wunderte sich zunehmend. Als die Künstlerin an ihr vorbei rauschte schaute sie doch recht skeptisch über die Ränder ihrer Hornbrille hinweg - Kunst oder gotteslästerlicher Unfug?

Foto: Englische Opernsängerin in Pariser Kirche.

Mittwoch, März 28, 2007

La France des Associations


"Jeder richtige Franzose gehört einer Association an" erklärte mein Professor in der Uni am Dienstag und machte die Runde, um festzustellen, wer alles ein guter Franzose sei. Und siehe da - neben allem sprachlichem Fortschritt: Um Franzose zu werden muss ich noch einer "Association" - also quasi einem Verein beitreten.
Am nächsten Abend bin ich da schon viel weiter: Im "Sous Bock" trifft sich meine erste "Association". Das war jetzt aber tatsächlich Zufall - schon länger hatte mir ein Freund aus Paris vorgeschlagen "doch mal vorbei zu kommen". Die Gruppe, die sich im "Bierdeckel" (genau das heißt Sous Bock) trifft, gehört der "Afasp" (Association franco-allemande pour les stagiaires professionnels) an und ist platt gesagt ein Stammtisch. Im Sous-Bock trifft sich aber der "Jugendkader" und somit ist die Sache doch schon viel interessanter. Ich lerne eine Menge Leute kennen, Deutsche die in Frankreich wohnen, Franzosen, die deutsch lernen wollen. Und zum Beispiel Renan, der gerade sein Deutsch auffrischt, weil seine Freundin aus Deutschland kommt. Wir sprechen aber hauptsächlich französisch - an seinem ersten Abend hier geht das noch schneller.
Renan ist etwa so alt wie ich und "Schauspieler und Musiker". Ich kann mir zunächst nicht recht erklären wie er so Geld verdient, aber neben Engagements für Werbung und Serien von TF1, so stellt sich heraus, steht er tatsächlich bei Sony unter Vertrag. "Wir sind ein bisschen wie die französischen Beatles" erklärt er und fügt hinzu "nächstes Jahr sollen wir groß rauskommen". Im Internet ist seine Gruppe ">Folkom" tatsächlich schon recht professionell aufgestellt (siehe auch auf dieser Seite unter >Videos). Er erklärt mich zu seinem Deutsch-Lehrer. Toll! Jetzt werd ich vielleicht auch bald berühmt.
Später unterhalte ich mich noch ein bisschen mit zwei Bilingualen. Beide haben die doppelte Staatsbürgerschaft und deutsche Eltern, aber noch wenig Zeit in ihrer zweiten Heimat, Deutschland, zugebracht. Ich erkläre, dass ich sie um ihre Bilingualität beneide - alles muss einem so leicht fallen.
Doch scheinbar ist dem nicht immer so. Übereinstimmend erklären beide, dass man auch Nachteile hinnehmen muss. So ist man in beiden Ländern der "Exot" und Aussenseiter. Und dass man beide Sprachen wirklich perfekt beherrscht ist fast nicht möglich - es ist immer phasenweise die eine oder andere Sprache, in der man fitter ist, erklärt mir eine der beiden. Ihr Nachbar bedauert, dass seine deutsche Grammatik beim schnell sprechen doch sehr hakt. Dass einem alles leichter fällt stimmt auch nicht. Er ist in der Schule sitzen geblieben.

Foto: Europa wird 50, Erasmus wird 20. Zu diesem Anlass wimmelt es nur so von Festakten. Über meinen Mitbewohner habe ich mich auf die Gästeliste der deutschen Botschaft setzen lassen, die Festreden und ein kaltes Buffet verspricht. Nachdem wir die Einladung um ein Haar vergessen hätten, zeigt sich der Empfang als ziemlicher Reinfall - aber immerhin verbilligen kostenloses Bier und Wein den weiteren Wochenendverlauf. Das Bild ist im Botschaftsgarten aufgenommen.

Donnerstag, März 08, 2007

Sonnenbrillen und Fliegerinnen


Dirk hat eingeladen - sturmfreie Bude und "Eier mit Mayo". Dirk wohnt zusammen mit einem rustikalen Franzosen, der in einer Ente Touristen durch Paris fährt. Ansonsten studiert er Deutsch und ist Fan von Rugby, Feldhockey und der DDR. Die Wohnung ist entsprechend ausgestaltet: Wimpel der DDR-Rugby-Mannschaft (ich wusste nicht, dass es das gab) und Hockeystöcke. Dazwischen Dirks modische Accessoires. Unter anderem: Zweihundert-Pfund Sonnenbrillen, die sich auf einigen Fotos ganz wunderbar machen...

Am überaus prunkvollen Eingang unseres Hauses in der Rue de Rennes ist eine Gedenktafel angebracht: Im selben Haus wohnte in den 30er Jahren Hélène Boucher "Aviatrice Francaise". Da ich selbst süchtig nach allem bin, was mit Fliegen und Flugzeugen zu tun hat, habe ich mich natürlich mal ein bisschen informiert.
In unserem Haus wohnte in den 30er Jahren nicht nur "eine" französische Pilotin, Madame Boucher war bekannt als "die schnellste Frau der Welt".
Angefangen hatte sie sehr feminin mit der Anfertigung von Fliegermützen. 1931 wurde sie erste weibliche Flugschülerin ihres Aeroclub de Landes in Mont-de-Marsan und begann ihre kurze, aber steile Karriere.
Im Jahr ihres Todes 1934 stellte sie mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 485 Stundenkilometern auf 100 Kilometern einen Rekord auf und bemerkte beim Aussteigen aus ihrer Maschine "das geht besser". Auf ihrem Schrank im Wohnzimmer standen außerdem acht weitere Trophäen für verschiedene Weltrekorde. Unter anderem für den Höhenrekord der "Frauen in leichten Flugzeugen" von 5200 Metern.
Über ihrem Flugplatz in Versailles verunglückte sie schließlich bei einem Übungsflug tödlich. Doch als Kunstfliegerin hatte sie einigen Ruhm gesammelt und so wurde die Frau der Rekorde schließlich auch noch die erste Frau, die im Pariser Invalidendom aufgebahrt wurde. Postmortem schlug man sie zum Ritter der französischen Ehrenlegion und vermietete ihre alte Wohnung an zwei ausländische Studenten - und das zu einem überaus fairen Preis.

Foto (unten): Gedenktafel an unserem Hauseingang.

Donnerstag, Februar 08, 2007

Travaux Dirigées


Das Semester hat angefangen. Dies mal soll es doch ein bisschen produktiver zugehen und so habe ich auch einige "Travaux Dirigées" im Stundenplan stehen. Das sind quasi Seminare, die begleitend zu bestimmten Vorlesungen angeboten werden. Anstatt nur zuzuhören und mitzuschreiben, geht es in diesen Kursen auch um Mitarbeit, Referate und kleine Tests. Das klingt erstmal anstrengender, ist aber nach all der Vorlesungs-Routine ein angenehmer Nervenkitzel.

In der ersten Stunde haben wir erst einmal fünf dicke Dossiers ausgeteilt bekommen, die sämtliche Themen des Semesters umfassen. Jeder Student wird sich mit einem Thema näher beschäftigen und darüber referieren. Unsere Dozentin ist Madame Cao, eine junge Asiatin, die mir sehr umgänglich scheint und vielleicht aus eigener Erfahrung mein Fremdsprachen-Problem verstehen kann.

Das Sprachenproblem ist in diesen Kursen wahrscheinlich sogar eher geringer als in den Vorlesungen. Denn die Mitschreibe-Geschwindigkeit ist nicht so hoch. Referate und mündliche Vorträge lassen sich zuhause vorbereiten und die Interaktion mit den anderen Studenten ist sehr viel intensiver. So kommt man leichter an Hilfe und verbessert sein Französisch.

Zusammen mit einem Handwerker, der hier was zu richten hat, sind heute auch ein paar Briefe in die Wohnung geflattert. Französische Geschäfts-Korrespondenz fasziniert vor allem wegen ausschweifender Höflichkeitsfloskeln. Abschließend heute ein nettes Beispiel:

Dans cette attente et en vous remerciant pour la confiance que vous nous accordez, nous vous prions de croire, Monsieur, à nos sentiments dévoués.

Will sagen: Freuen uns auf ihre Antwort, Auf Wiedersehen.

Foto: Heute Morgen einen lauten Knall gehört. Es hat sich dann herausgestellt, dass es um die Gewerkschaft der Eisenbahn handelt, die bei uns vor dem Haus demonstriert. Warum bei uns?

Freitag, Januar 26, 2007

Les Elections Présidentielles


In Frankreich stehen die Präsidentschaftswahlen in diesem Frühjahr an. Am 22. April werden die Urnen zum ersten Mal zum Einsatz kommen, eine wahrscheinliche Stichwahl wird dann einige Zeit später den nächsten französischen Präsidenten bestimmen.

Der Wahlkampf kommt in eine heiße Phase und auch wenn ich nicht mitwählen darf, bin ich recht bemüht dieses teilweise chaotische System von Parteien, Parteiflügeln und prominenten (eigentlich-) nicht-Politikern zu durchschauen. Da wären die Sozialisten mit der adretten Ségolène Royal (Parteikürzel PS) und die Konservativen mit Nicolas Sarkozy (UMP). "Sarko" allerdings, wird vom derzeitigen Präsidenten Chirac und seiner Entourage aus der gleichen Partei geschnitten. Den alten Herren reizt es, trotz einer eher armseligen Reputation unter den Franzosen, nochmal selbst in den Ring zu steigen.

Da wären der rechtsextreme, nimmermüde Le Pen - ein 74-jähriger Algerien-Veteran der schon beim letzten Mal übel aufstieß (nämlich in die Stichwahl), da gibt es die kommunistische Marie-George Buffet oder den Abenteurer und Shampoo-Fabrikant Nicolas Hulot (der seine Kandidatur aber vor wenigen Tagen wieder zurückgezogen hat). Nicht mehr dabei ist dagegen de Villepin, einst aussichtsreicher Kandidat und noch Premierminister. Er stolperte über eine Bespitzelungsaffäre und verkündete jetzt, seine Ambitionen beschränkten sich nunmehr auf einen bescheidenen Posten als Kindergärtner. Auch nicht wirklich an der Präsidentschaft interessiert ist IKEA, egal, was im Fernsehen so alles verbreitet wird (siehe Video).



Nicolas Hulot, den ich mir quasi täglich ins Haar shamponiere ist Naturschützer und einer der beliebtesten (Ex-) Kandidaten. Auch ohne die Unterstützung der "echten" grünen Partei Frankreichs hat der Fernseh-Moderator (jaja Tausendsassa) die Kandidaten der großen Parteien dazu gebracht, den Natur-Aspekt in ihren Programmen stärker zu gewichten. Anschließend erklärte er, eine eigene Kandidatur könne womöglich die Umwelt gefährden und verzichtete.

Die Liste der Kandidaten ist lang (ich habe lange nicht alle aufgezählt) und der Kampf um die Macht ist hart. Ein neuer Weg des Wahlkampfs ist in dieser Saison ganz klar das Internet. Auf Blogs machen die Kandidaten aufwendig Werbung und geben sich jugendlich und modern. Andere Blogs und Internet-Portale versuchen eher einen Überblick über das ganze Ausmaß an politischer Diversifiziertheit zu verschaffen. So zum Beispiel "Ipol", ein politischer Podcast, dessen erste Folge eben diesen Einfluss des Internets auf Politik und Wahlkampf thematisiert:


iPol #1
Hochgeladen von iPolTV


Foto: Wähler mit Hund beim Spaziergang im Bois de Boulogne.

Sonntag, Januar 07, 2007

Les trois mages

Die drei Könige folgten einst dem Stern von Betlehem um dem frisch entbundenen Sohn Gottes zu huldigen. Kurz zuvor machten sie noch einen Stopover in Paris und sind seither für einen von zahlreichen französischen Bräuchen verantwortlich.
Dieser sieht vor, dass sich die Familie um die Kaffee-Tafel versammelt und ein Gallette - eine Art Kuchen mit viel Marzipan verspeißt. In dem Kuchen eingebacken findet sich ein kleines Objekt - aus Porzellan oder Plastik - dessen Finder umgehend zum König oder zur Königin gekührt wird.
Natürlich ließ es sich unser sonntäglicher Kaffeekreis nicht nehmen diese Tradition zu übernehmen und unter der professionellen Anleitung durch Aurelie gaben unsere Gäste 28 (achtundzwanzig) Euro für zwei etwa Tellergroße Gallettes aus.
Das jüngste Mitglied der "Familie", in unserem Fall Lee, bestimmte daraufhin, ohne hinzusehen, wer welches Teil zugesprochen bekäme. Und - oh Wunder - der König war am Ende ich.
Ein ordentlicher Aufstieg, wo ich die letzten zwei Tage noch als "Invalide" über der Kloschüssel zugebracht habe, nur weil ich mir mal wieder was selbst gekocht hatte. Nichts desto weniger freute ich mich über meine Krone und die neue Rolle als uneingeschränkter Herrscher.

Foto: Mein "Inthronisierungs-Foto".

Freitag, Dezember 22, 2006

Der Letzte macht das Licht aus


Während es fast unmöglich ist, an einem 20. Dezember durch das weihnachtliche Getriebe in der Metro ein gläsernes Weihnachtsgeschenk heil nach Hause zu bringen, ist es durchaus möglich in Paris an einem Tag eine neue Wohnug zu finden.
So geschehen für Lee James, der seine alte Wohnung zum 22. Dezember verlassen musste und somit am 20. Dezember, morgens, mit der Suche nach einer Ersatzwohnung begonnen hatte.
Und folglich muss es auch möglich sein, in einem weiteren Tag die alte Wohnung aufzugeben, auszuziehen, zu reinigen und für die neue zumindest schon mal die Kaution zu bezahlen und den Vertrag zu unterzeichnen. Und all das - wie erwähnt - an einem Tag im Dezember mit der Heimreise am nächten Tag vor dem inneren Auge.

Entsprechend früh sind wir den 21. Dezember angegangen. Während mein letzter Uni-Kurs für dieses Jahr meine erste Klausur im neuen Jahr zum Thema hatte, wickelte Lee die letzten Putzaktionen und anschließend den "Etat de Lieu" - die Bestandsaufnahme mit der Vermieterin ab. Die Vermieterin, also die amerikanische Universität in Paris, war damit auch offensichtlich zufrieden und händigte folgerichtig die 300 Euro Kaution für die alte Wohnung aus.
Am Mittag stoße ich zur Projektgruppe "neue Wohnung" hinzu. Zusammen mit dem anderen Geld für die neue Kaution (diese wird teurer sein als die alte) war Lee inzwischen bei der Bank und hat eine Einzahlung auf sein Konto getätigt, um sich für den gleichen Betrag einen vordatierten Scheck für die neue Kaution ausstellen zu lassen.
Leider war der letzte der beiden obligatorischen Schritte nicht möglich, da Schecks nur an derjenigen Filiale der Bank ausgestellt werden können, an der das Konto eröffnet wurde.
Eine Stunde Metro.
In derjenigen Filiale, in der das Konto eröffnet wurde kann man den Scheck leider auch nicht ausstellen. Die Einzahlung sei zwar verbucht "jaja", doch das Geld sei bis in etwa einer Woche noch "indisponible".
Wieder eine Stunde Metro plus telefonischer Verhandlungen mit dem neuen Vermieter. Es wird spät.
Schließlich sind wir wieder in unserem Viertel, wollen das Geld nun bar an den Vermieter geben und dazu das am Mittag eingezahlte Geld wieder abheben. Die Bankangestellte empfängt uns: "Sie waren doch heute Morgen schon mal da - wir sind hier schon genug im Stress!" Wir fordern unsere Einzahlung zurück. Einige Telefonate später ist klar: Da die andere Filiale, an der das Konto eingerichtet wurde, bereits seit fünf Uhr geschlossen ist, kann von diesem Konto keine Auszahlung vorgenommen werden - am Automaten leider auch nicht, da das drei-Tages-Limit von 500 Euro bereits fast erreicht ist.

Das Gefühl kommt auf, dass der Tag wirklich lang ist. Am Abend bringen wir unser Gepäck aus unserer alten Wohnung bei einem Freund unter. Weitere Telefonate mit dem Vermieter. Leichte Verzweiflung, dann die Gewissheit, der Vermieter gibt uns am nächsten Tag noch eine Chance.

Und so wird auch der 22. Dezember für Lee James zu einem langen Tag: Geld auftreiben, Vertrag unterschreiben, eigenes Gepäck packen, zum Flughafen fahren, erfahren dass London im Nebel versinkt und Flüge ausfallen oder verspätet sind. Währenddessen sitze ich um kurz vor neun in meinem Zug - auf dem Weg nach Hause, Weihnachten, Fest des Friedens.

Foto: Ein weiteres Bild aus meiner "Marais-Serie".

Donnerstag, Dezember 14, 2006

Éco du Développement


Heute hatten wir das vorletzte Mal vor den Weihnachtsferien "Economie du Développement". Das Fach gefällt mir ganz gut, schon von Haus aus und bei Monsieur Najman ist es auch immer recht anschaulich. Der Vorteil ist vielleicht, dass unsere Uni in Creteil liegt, in einer Stadt also, die schon länger eng mit der Entwicklungsproblematik Nordafrikas eng verbunden ist.

Will heißen: Wir haben Informationen aus erster Hand und wenn wir für ein Rechenbeispiel gerade mal die aktuellen Preise für Hühnchen auf dem Markt von Dakar im Senegal brauchen, fragt Herr Najman einfach einen afrikanischen Studenten aus dem eigenen Kurs. Auch wenn es um die Migrationsproblematik in der Straße von Gibraltar geht oder um die Kosten für Visa in Europa - in der Klasse ist jede dieser Erfahrungen schon dagewesen. Es ist auch tatsächlich eines der wenigen Fächer an der Uni, in dem man rege Mitarbeit zumindest einiger Studenten beobachten kann.

Monsieur Najman ist immer sehr bemüht, seine Schülerschaft zu motivieren, doch mit seinen französischen Tugenden - zu spät ankommen und lange Pausen - macht er seinen eigenen Mühen gelegentlich einen Strich durch die Rechnung. Von Zeit zu Zeit wird die Stunde auch zur Erzählrunde, wenn von den speziellen Schwierigkeiten junger Frauen im Maghreb die Rede ist oder die aktuelle Presse Anekdoten zum Thema beisteuert.

Heute habe ich mir in der Bibliothek die Modelle von Harrod Domar und Solow nochmal angesehen, die wir auch schon in unserem Kurs behandelt haben. Das Buch, das ich dafür benutze ist, wie die meisten in diesem Fach, in englisch geschrieben - für viele Franzosen in unserem Kurs ein Problem. Und so geht auch noch etwas mehr Unterrichtszeit nach der Zigarettenpause drauf, wenn Monsieur Najman das Wort "household" nochmal buchstabieren soll.

Einem Verfall der Disziplin unter den ausländischen Studenten versuchen indes die zwei Mädels aus dem Delcife-Büro zu verhindern. Jedesmal wenn man hereinkommt, wird man erstmal schief angeschaut. Dann wird man an die verantwortliche Stelle verwiesen als ob man das längst wissen müsste. Als nächstes wird die Unordnung in den mitgebrachten Unterlagen bemängelt ("Da ist ein Blatt von der Immatriculation pédagogique unter den Unterlagen der Fremdsprachenkurse - junger Mann - c'est un bordell!"). Bei den Mitstudenten, deren Französisch noch etwas schwächer ist, wird erstmal extra schnell gesprochen - und generell sind keine Plätze in den Kursen mehr frei.
Erst etwas später im Semester findet man heraus, dass die beiden Mädels eher zum Selbstzweck existieren, da frei nach französischer Mentalität jegliche Organisation in der Praxis ohnehin über den Haufen geworfen und jeder nachkommende Student doch noch in den Kurs aufgenommen wird.

Foto: Nachtrag zur Königsdebatte vom letzten Eintrag: Ist da nicht ein klein wenig Königlichkeit in diesem Gesicht? Florian mit einer Ausgabe von "Florian et le petit prince".

Mittwoch, November 15, 2006

Man wundert sich...


Franzosen sind ein Volk mit gewissen sprichwörtlichen Eigenschaften - wie zum Beispiel dem legèren Umgang mit der Liebe und allem Körperlichen, was damit zusammen hängt. Dennoch würde ich mein jüngstes Erlebnis zu diesem Thema als höchst fremdartig einstufen.
Im Foyer meines Wohnheims lernte ich einen mittelalten Herren mit Halbglatze kennen, der schon seit fast zwei Jahren hier wohnt und in Paris arbeitet. Da ich Deutscher bin, bat er mich, ihn für einige Übersetzungen in sein Zimmer zu begleiten. Ich willigte ein.
Der Mann machte einen vollkommen harmlosen Eindruck auf mich und wahrscheinlich ist er es auch. Ich fragte ihn auf dem Weg, was es mit der Übersetzung auf sich hätte - ob es etwa für den Beruf sei oder ob er dabei wäre die deutsche Sprache zu lernen. Er winkte ab und erklärte, es sei nur eine kleine private Angelegenheit.
Wir erreichten sein kleines Einzelzimmer und beim Aufschließen entschuldigte er sich beiläufig für die Unordnung in seinem Zimmer. Er ging voran.
Beim Eintreten fiel mir sofort ein Plakat auf, das zwischen einem Stapel Bücher steckte. Eine nackte Frau spreizte da die Beine, aber höflich tat ich so als hätte ich das übersehen. Über einen Haufen von Pornoheftchen breitete mein Gastgeber verlegen seine Jacke aus und grinste verlegen. Ich war zwar leicht amüsiert, ließ mir aber weiterhin nichts anmerken. Doch die Szene wurde zunehmend absurd. Was er mir nämlich jetzt zum übersetzen reichte, waren die Klappentexte einiger deutscher Pornovideos, die er aus einem Regal holte. Er hatte mehrere Schränke voll davon.
Darf man jetzt lachen? Aber der Mann meinte das offensichtlich vollkommen ernst, begann gleich zu versuchen den Text vorzulesen. Er fing an systematisch zu fragen was die einzelnen Worte bedeuteten. "frech und geil" - "insolent et libidineux" oder "juste 18" übersetzte ich folgsam.
Während ich innerlich von der Absurdität der Situation vollkommen fasziniert war übersetzten wir doch absolut konzentriert einen Klappentext nach dem anderen. Es war ihm offensichtlich ein vitales Interesse. So überlegten wir eine Weile welche sinngemäße Übersetzung die lustigen Texte am genauesten wiedergaben - etwa, ob man "Erregung" eher als "excitation" oder "stimulation" übersetzen könnte.
Nach getaner Arbeit entließ er mich mit einem verlegenen Grinsen und bedankte sich für meine Zeit. Ich verabschiedete mich und war froh, dass ich ihm nicht auch noch die Filme selbst hatte dolmetschen sollen.

Foto: Hier denkt der Autor wieder: "tztz diese Franzosen."

Donnerstag, November 02, 2006

Richtigstellungen



Ein so viel gelesenes "interaktives Magazin" ist natürlich nie ganz fehlerfrei und zieht so manche Kritik auf sich. Einer meiner härtesten Kritiker ist wohl Arnaud, der sich nun in schriftlicher Form an die "Redaktion" gewandt hat.

Hier einige Auszüge:

"pfff, alles was du geschrieben hast, stimmt nicht...

Laurent ist der Sohn des EHEMALIGEN Botschafters in Polen

Die Veranstaltung war ein "cours magistral", eben kein Seminar, wo es interaktiv sein soll...und die Besonderheit von ScPo liegt eben darin, dass wir bei den Prüfungen eben nicht auswendiglernen müssen, weil wir "dissertations" schreiben...und auswending zu lernen wäre dabei nicht von großer Hilfe...

schlecht Simon, sehr sehr schlecht ..."

und weiter:

"Ich könnte dir vor Gericht ziehen ! ...;-)"

darauf die "Redaktion":

"entweder könntest du MICH vor Gericht ZERREN,oder MIT MIR vor Gericht ziehen. Auf wiedersehen."

(Die "Redaktion" hat schwerwiegende Rechtschreibfehler korrigiert, den Wortlaut jedoch beibehalten).

Zum Tagesgeschäft: Florian, der Kunsthistoriker war auf dem Friedhof "Père Lachaise" unterwegs und hat dort unter anderem, wie ich vor ein paar Tagen, das zugeküsste Grab von Oscar Wilde gesehen. Beim Abendessen bei ihm zuhause verfiel er dann augenblicklich ins Schwärmen für den Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg, der auch nicht ganz schlecht sei. "Und die Rhododendren-Büsche überall - herrlich!"
Ich war letztens zu ungewöhnlicher Uhrzeit auf den Champs Elysées unterwegs, wartend auf die erste Metro des Tages.
Ich unterhielt mich auf einer Bank mit einem Freund, als der plötzlich eine nahende Gestalt bemerkte, die uns kurz darauf um etwas Kleingeld bat. Zunächst ging ich davon aus nur einen weiteren besoffenen und etwas Nähe und Geborgenheit suchenden Partybesucher getroffen zu haben, doch sehr bald schon sollte ich meine Meinung ändern: Fünfzig Euro verlangte der gar nicht soo Betrunkene und als Argument bedrohte er uns mit dem Messer. Leider war weit und breit niemand sonst zu sehen und so schlugen wir uns etwa fünf Minuten mit dem Typen herum, der abwechselnd meine Begleitung und mich bedrängte und bedrohte, bis endlich ein Schwarzer dazwischen kam und den Spuk beendete. Die fünfzig Euro haben wir behalten.

Foto: Englischer Garten von Versailles.

Samstag, Oktober 21, 2006

Pulp und Party


Besuch aus der Heimat ist naturgemäß ein gewisser Koordinationsaufwand. Schon vor Wochen habe ich angefangen auszukundschaften, was ich mit meinem Gast so alles machen könnte, welche Partys sich ankündigen und bei wem in der Stadt wir danach übernachten könnten.
Schließlich hat sich der Aufwand gelohnt. Mein Plan funktioniert fast reibungslos. Allein der Wunsch "noch mal schnell nach Creteil zum frisch machen" (mit dem ich eben nicht gerechnet hatte) bringt uns gelegentlich ein bisschen in Zeitnot - aber in Frankreich kommt es ja wie gesagt auf eine halbe Stunde mehr oder weniger nicht an.
Tag zwei unseres Programms endet nach einem sehr netten Abendessen mit meinen beiden Spezial-Franzosen, Nicolas und Arnaud (beim Inder in der Rue Faubourg-St-Denis - "sympa!") in einem Laden an den Grands Boulevards - dem "pulp". Bei "musique electronique" bevölkern hier einige Frauen das Tanzparkett, die auch sehr hübsche Jungs sein könnten. ("liberer les femmes depuis 10 ans")

Am nächsten Morgen wachen wir in Nicolas Wohnung auf und verbringen von dort aus einen schönen Vormittag in den Straßen des Marais, in der Gegend des Centre G. P. in einer Creperie "Beaubourg" gleich um die Ecke und in einigen Geschäften.
Wir besichtigen die Galerien am Place des Vosges und "flanieren" entlang der Rue Rivoli. Dieser Abend soll sich etwas ruhiger Gestalten - nur etwas allerdings.
Wir sind eingeladen zu einer privaten ERASMUS-Party in Ivry sur Seine "auf dem Weg nach Innen" quasi, von Creteil aus gesehen.
Die Party findet in der beeindruckenden Wohnung von Andrea, Holger und Ricardo, einem Portugiesen, statt. Die Portugiesen sind es schließlich auch, die mit ihrem Temperament zusammen mit den Italienern diese Party stimmlich domminieren.
ERASMUS-Partys sind eine lustige Sache, allerdings bergen sie doch die Gefahr, dass Gespräche dort oft sehr einseitig auf Uni-Themen und den bekannt unergiebigen Woher-kommst-du-was-machst-du-so floskeln beschränkt sind. Abgeholfen hat heute an dieser Stelle der Sangria. Trotzdem machten wir uns dann noch vor der letzten Metro auf den Heimweg nach Creteil.

Fotos: Oben: Große Party in kleinen Räumen. Unten: Mein erstes brennendes Auto in Creteil. Direkt vor meinem Lidl, auf dem Rückweg von der Erasmus-Party.

Montag, Oktober 09, 2006

Bon CV?



Ich muss den Blog-Titel ändern. Arnaud ist schuld daran. Gestern Abend war ich mal wieder bei ihm zu Besuch, ein bisschen was trinken - und eben auch im Internet rumsurfen.
Er erklärte mir, es sei lächerlich, zu schreiben, ich sei aufgrund eines ERASMUS-Stipendiums hier. Das Stipendium beträgt eh nur 90 Euro im Monat und wäre ja wohl nicht zu vergleichen mit einem echten Stipendium, wie zum Beispiel des akademischen Auslandsamtes oder einer vergleichbaren Einrichtung.

Er beließ es noch nicht dabei, sondern steigerte sich in eine kleine Ansprache hinein: Ich hätte ja nicht viel geleistet um dieses Stipendium zu kriegen - jeder könne das. Ein echtes Stipendium - ja das habe vielmehr mit Leistung zu tun und ist etwas mit dem man gerne im eigenen CV (Lebenslauf) Punkte sammelt.

Ich fand das erstmal lustig - aber Arnaud denkt wie viele Franzosen (und auch wie einige Deutsche, wobei ich das Gefühl habe, dass diese Denke hier mehr verbreitet ist.). Ein perfekt durchgestyltes CV ist hier alles und ein bedeutendes Statussymbol. Jeder, der etwas auf sich hält, hat das persönliche CV in perfektem Layout auf dem Computer gespeichert und hält es ständig auf dem Laufenden. Stipendien, Sprachkenntnisse, Zusatzqualifikationen und ganz wichtig: Der Name der Universität oder Grande Ecole, auf der man studiert. Ich habe das Gefühl, vieles im Studium in Frankreich hängt vom Ruf ab, den die Schule hat, auf der man sich anmeldet. Namen und Titel sind viel wert - Arnaud geizt nicht damit, er kann auch einiges Vorweisen. Ziemlich oft betont er, dass nicht jeder auf der Science Po studieren darf - der Universität von Chirac und Sarkozy.
Aber eben deshalb nimmt Arnaud "Anstoß" daran, wenn jemand (ohne sich dabei etwas zu denken) sich mit falschen Federn schmückt.

Amüsanterweise hat Arnaud nicht nur sein eigenes CV auf dem Computer gespeichert, sondern auch diejenigen seiner beeindruckendsten Freunde - zum einen wohl aufgrund von Bewunderung, zum anderen auch, weil man sich gerne im Glanze erfolgreicher Menschen sonnt. Ich gebe zurück, dass ich von dieser Art Kult nicht viel halte. Meiner Meinung nach, kommt es nicht so sehr auf die beeindruckenden Namen von Stipendien und Universitäten, sondern eher auf Fähigkeiten und Persönlichkeit an - Dinge, über die ein CV nur bedingt Aufschluss gibt.

Dennoch gebe ich mich schließlich in gewisser Hinsicht geschlagen: In der zweiten Zeile des Blog-Titels steht nun nicht mehr "Mit einem ERASMUS-Stipendium", sondern "Im Rahmen des ERASMUS-Programms...". Wie um zu beweisen, dass all die Aufregung nicht ganz ernst gemeint war, fügt Arnaud noch hinzu: "Ich würde mit niemandem ins Bett gehen, dessen CV ich nicht gelesen habe."

Foto: Wahlkampfauftakt? Seitenstraße des Blvd des Champs Elysée.

Samstag, Oktober 07, 2006

Der französische Akzent oder: "Je progresse!"


Wenn man meine letzten Einträge durchschaut könnte man meinen, ich käme kaum mit echten Franzosen in Berührung. Der Eindruck täuscht etwas. Mit Zweien treffe ich mich sogar recht regelmäßig. Der eine ist Arnaud,dem ich - vor Neid leicht mit dem linken Auge zuckend - letztens bei der Einschreibung in einer Pariser Eliteschule zuschauen durfte. Danach hatte er uns aber Eintrittskarten für die Mondial de l'Automobile organisiert. Mit dem anderen, Nicolas, Student der slawischen Sprachen an einer anderen Grand Ecole, war ich gerade mal wieder Abendessen. Normalerweise geht man mit mir nicht gern Abendessen - man kocht mir lieber zuhause, da ich inzwischen doch als echt deutscher Geizkragen bekannt sein dürfte - aber bitte: Jeden Tag 15 Euro für ne Pizza plus Boisson ist halt nicht drin bei mir.

Mit Nicolas spreche ich auch tatsächlich fast immer französisch. Meine Aussprache scheint ihn sehr zu amüsieren, auch wenn er immer wieder beteuert "so schlimm ist sie gar nicht". Arnaud nannte den Akzent letztens "mignon" - also süß - und behauptet standfest, selbst keinen Akzent im Deutschen zu haben. Da täuscht sich der Teure allerdings ein wenig. Eine Bedienung im le Carré ließ mich letztens eine Bestellung drei mal wiederholen, "weil der Akzent so toll ist".

Wird der Abend später und die Sätze komplizierter beginnt der Mundraum leicht zu schmerzen. Das Verständnis wird über den Abend in der Regel immer besser - wenn Nicolas etwa mit anderen Freunden zusammen sitzt, kann ich mich im Laufe der Unterhaltung immer besser an Tempi und Aussprache der Konversation gewöhnen. Die eigene Sprachfähigkeit nimmt aber irgendwann wieder ab - wie das halt so ist mit dem Alkohol.

Die Diskussion um den brauchbarsten Akzent ist unter Sprachstudenten allgegenwärtig und als Französisch-Frischling werde ich da auch ständig mit reingezogen. Matthieu, noch ein Franzose, ist wie Arnaud des Deutschen und Polnischen mächtig, macht sich aber überhaupt nichts aus seinem Akzent. Er vertritt die sympathische Meinung: "Hauptsache ich werde verstanden". Sein Deutsch ist wirklich fast fehlerfrei, aber die Betonung ist superlustig.

Weitere lustige Akzent-Kombinationen sind Portugiesen, die Französisch sprechen, Christian der einen "Croque Mongsieur" bestellt, Nicolas, der einen Karl-Lagerfeldschen Akzent ganz gut immitieren kann ("Schö Brokress"), Arnaud, wenn er schweizerdeutsch redet oder Florian und ich, die wir uns auf hessisch und pfälzisch unterhalten, damit die anwesenden Franzosen mal ausnahmsweise nichts verstehen.

Foto: Haben fast keinen Akzent: Russen, die französisch sprechen. Diese alte Russin aber belässt es bei russischem Liedgut in der Metro und verdient sich damit lautstark ein kleines Taschengeld.

Freitag, September 29, 2006

Avoir mal à la gorge


Seit drei Tagen habe ich heftige Schluckbeschwerden - ein Schnupfen kündigt sich an. Weil ich aber nur das französische Wort für Halsschmerzen kenne (siehe Überschrift) habe ich mir eben in der Pharmacie Medikamente gegen Halsschmerzen geholt und hoffe, dass die auch wirken.

Naja - obwohl es deutsche Medikamente sind (Merck) - bisher sind sie mir den Beweis noch schuldig geblieben.

Am Mittwoch Abend gab es ein Festmahl! Ich war eingeladen bei den Eltern meines Correspondant auf der anderen Seite der Stadt und habe endlich mal wieder etwas richtig gutes gegessen - das sich an so ein Essen anschließende Glücksgefühl ist ziemlich beeindruckend. Man entbehrt doch einiges, so ganz ohne Backofen und Koch.

Heute habe ich Economie Geographique gehört, bei einer netten, schnellsprechenden Französin. Auch hier gibt es in der Wirtschaftsgeo den guten alten Herrn Von Thünen - nur sagt man hier Won Tünön. Als sie dann am Ende der Stunde erfuhr, dass sie einen ERASMUS und einen japanischen Austauschstudenten im Saal hatte, war sie hoch erfreut und versprach ein Résumé anzufertigen, damit wir nicht so viel mitschreiben müssen. Mitschreiben ist immernoch ein gewisses Problem für mich. (Heute: eine halbe Seite im Vergleich zu vier Seiten Mitschrift bei den Franzosen).

Foto: Chinatown in Paris ist lange nicht so beeindruckend wie in London oder in San Francisco. Aber China-Food à emporter hat in dieser Stadt fast denselben Rang wie Dönerläden in Deutschland.

Montag, September 25, 2006

Überschrift leider verloren...


Das Wochenende ist vorbei, Morgen habe ich meinen vermeintlich ersten Kurs an der Uni. Noch immer warte ich auf einen Gesprächstermin mit Monsieur Najman, aber meine Sekretärin hat sich noch nicht gemeldet. Sie waren ja mit meinem Verhandlungsangebot was die ECTS-schwere meiner Kurse angeht noch nicht zufrieden... Mal sehen was die Nachverhandlungen bringen werden.

Das restliche Wochenende war auch noch sehr nett - ich erinnere mich an hohe Stuckdecken und Clubgäste ganz in Weiß - außer uns, die wir deshalb keinen verminderten Eintritt bekommen haben. Wer Französisch kann ist eben klar im Vorteil. (Das war im Club Elysee Montmatre am Place Pigalle.) Des weiteren erinnere ich mich daran, für eine Modezeichnung Modell gestanden zu haben - wohl eher weniger wegen meiner Mode, aber weil die Hausaufgaben fertig werden sollten. Allerdings - morgens um 5 gelingt der Faltenwurf nicht allzu akkurat - das Bild muss nachbearbeitet werden. Wenn es dann abgenommen ist hoffe ich auf etwas Schmuck für mein noch sehr kahles Zimmer.

Hier noch ein paar Kleinigkeiten aus der Reihe "die kleinen Unterschiede oder: neue Vorurteile". In einem meiner letzten Beiträge hatte ich ja schon erwähnt, dass man bei Absprachen über die Uhrzeit immer noch im Hinterkopf ein Stündchen zugeben sollte - pünktlich ist hier die Eisenbahn, nicht aber der Franzose an sich.

Wenn man mit einem Franzosen eine Straße entlang geht, kann es einem passieren dass man ihn auf halber Strecke verliert. Franzosen sind nicht so schnelle Spaziergänger und sehr oft sehr wehleidig was ihre Füße angeht. Wenn man an einer Kasse im Supermarkt steht und vor sich einen Kunden hat der mit Karte zahlen möchte, sollte man sich ebenfalls etwas mehr Geduld antrainieren. Bis das Lesegerät die Karte akzeptiert hat geht einige Zeit ins Land. Die Kassiererin beginnt (ohne Witz) das Putzzeug auszuräumen und macht an ihrer Kasse erstmal klar Schiff. Die Kasse wird gewischt, das Preislesegerät und dann noch das Telefon. Dann ist die Kreditkarte endlich ausgelesen und es geht in aller Gemütlichkeit weiter.

So heute Abend geht es noch ins Kino - eine französische Komödie, die ich inzwischen hoffentlich einigermaßen verstehe. Bis dahin habe ich mir noch die "Liberation" und eine Zeitschrift mit dem Namen "Jeune Afrique" - junges Afrika geholt, an denen ich ein bisschen meinen Wortschatz erweitern werde.

Foto: Die Mosque de Paris ist eine Einrichtung mit Teehaus und Hammam. Leider ein bisschen teuerer als in original Marokko der Tee - aber auf jedenfall ein sehr netter Ort gleich neben Jardin des Plantes.

Sonntag, September 17, 2006

Wie Praktisch: Einheimische kennen


Parc de Boulogne - nicht Bois de Boulogne. Jaja sehr süß, wie diese Deutschen alles durcheinander bringen. Also unser Open-Air-Kino-Abend findet in der Stadt Boulogne, direkt vor den südwestlichen Toren der Stadt statt - und nicht, wie ich geglaubt hatte, im berühmten Bois de Boulogne.
Star Wars, dritter Teil steht auf dem Programm, mit von der Partie sind Nicolas, den ich hier vor zwei Wochen kennen gelernt habe und zwei seiner Freundinnen. Der Film ist auf französisch aber ich komme schon gut mit. Ich habe das Gefühl, dass mein Französisch schon viel besser geworden ist. Auch wenn sich die drei anderen über ihre Arbeit an der Uni unterhalten, verstehe ich fast alles und kann auch ein bisschen mitreden. Wenn mir ein Wort fehlt, bekomme ich es sofort erklärt - es findet sodann Eingang in die immer länger werdende Liste neuer Vokabeln in meinem Carnet, das ich stets in der Hosentasche trage.

Ein Gesprächsthema des Abends sind natürlich auch ERASMUS-Austauschprogramme. Die Schwierigkeit die jeder kennt, der an diesem Austausch teilgenommen hat ist, im Gastland Anschluss an Einheimische zu finden. Auch am Eröffnungstag in der Uni habe ich neben mir fast niemanden getroffen, der schon Franzosen in Paris neu kennen gelernt hätte. Pariser haben nun mal schon ihre Freundeskreise und sehen keine Notwendigkeit darin, neue Leute kennen zu lernen, zumal die anfangs kaum französisch reden. In Mainz fanden ERASMUS-Studenten vor allem im Wohnheim Anschluss und blieben ansonsten auch eher unter sich. In meinem Pariser Wohnheim wohnen keine französischen Studenten - umso mehr Glück hatte ich wohl bisher. Der Trick ist meistens, sich über gemeinsame Interessen über den Weg zu laufen - so hat sich mein Mitbewohner gleich in mehreren Capoeira-Clubs umgeschaut.

Wir bleiben an dem Abend noch eine Weile bei einer von Nicolas' Freundinnen in ihrer Wohnung in Boulogne (viel geräumiger als diese kleinen Stadtwohnungen) und so sitze ich am Ende in der Metro Nummer 8, die leider nicht mehr bis Creteil sondern nur noch bis zum Place de la Republique fährt. Da rechnet es sich sofort, dass ich seit heute ein französisches Handy (le portable) besitze und schon Leute in der Stadt kenne, bei denen man in solchen Fällen auch mal übernachten kann.

Foto: Am Nachmittag stehe ich unvermittelt in der Pariser "Love Parade" - die hier sicherlich anders heißt aber auch sehr groß ist.

Montag, September 11, 2006

Tea-Dance

Zum dritten Teil meiner Wochenend-Ausgeh-Trilogie. Les Bains-Douches sind ein neuer Club (und an anderen Tagen auch ein Restaurant) in der Rue du Bourg L'Abbé im dritten Pariser Arrondissement. Schon der großzügige Eingang mit seinen roten Stoffbahnen und Empfangsdame in der Eingangshalle (neben den obligatorischen Empfangsherren - sprich "Security") machen einiges her. Der Club ist in seinem Innern schick und modern durchgestylt mit Videoinstallationen, weißen Wänden sowie blauem und rotem Licht. Wir sind hier heute zum Tea-Dance - das heißt es geht los um acht und nicht länger als etwa ein Uhr, denn dann wechselt man in die klassischen Nachtclubs (wir heute nicht, es ist Sonntag, ich bin heute Abend sowieso schon schwer aus den Federn gekommen). Angesichts der aufwendigen Gestaltung und der guten Musik ist es umso erfreulicher, dass der Eintritt bis neun Uhr frei ist und das ist auch das eigentliche Argument für den Club an diesem Abend.

Wie komme ich an die Adresse? Nunja, ich wäre wohl hilflos ohne meinen ortskundigen Begleiter, Arnaud. Der wird praktischerweise an einer der Grands Ecoles zum Dolmetscher für Deutsch (neben Polnisch und Englisch) ausgebildet und spielt derzeit Privatlehrer für mich. Er lässt mir keinen grammatischen Fehler durchgehen und ammüsiert sich an meinem deutschen Akzent. Ich habe ihm noch nicht von seinem Akzent erzählt. "Könntest du bitte ordentliches Französisch sprechen?" - ich versuche es ja. In der Eile habe ich heute leider mein Carnet für neue Vokabeln vergessen, andererseits ist Heftführung auf Tanzflächen nirgends sonderlich angesehen - ergiebig wäre der Abend sicherlich geworden.

Auch dabei ist ein Freund von Arnaud, Simon (leicht zu merken), der ebenfalls schon ein halbes Jahr in Deutschland verbracht hat, sich aber weigert zuzugeben, dass er Deutsch versteht. Ohnehin ist es erwünscht, dass die vorrangige konversations-Sprache Französisch ist. Nur wenn ich später am Abend langsam Hirnkrämpfe kriege oder es gerade sehr schnell gehen muss ist Deutsch ok.

Vorteil an einem Abend mit Tea-Dance ist, dass man noch die letzte Metro nach Hause erwischt. Von Les Halles bringt sie mich aus dem Wochenende nach Creteil zurück, wo am nächsten Tag der "Alltag" beginnt - mit putzen und französischen E-Mails auf dem Programm. Beim Umsteigen in Reuilly-Diderot gibt es eine kleine Wartezeit, die ein Schwarzer in langem Gewand dazu nutzt, den Passanten zu erklären, wie schlimm die Zustände in Afrika sind und dieser Monsieur Sarkozi - il est nul! Stolz seinen Monolog weitgehend verstanden zu haben fahre ich nach Hause und bin mit meiner ersten Woche in Paris mehr als zufrieden.

Foto: Champs-Elysee bei Nacht