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Donnerstag, Juni 07, 2007

Der große Abschieds-Artikel


Semester-Abschiedsparty der englischen Universität. Die Party findet auf einem Schiff auf der Seine statt. Das Wort "englisch" steht in diesem Zusammenhang natürlich für ein sehr trinkfreudiges Völkchen, umso mehr, da auf dieser Party der Alkohol umsonst ist. Für den Eintritt soll man dagegen satte 35 Euro zahlen, für die meisten Kinder aus reichem Hause auf dieser kleinen aber exklusiven Uni ist das aber offensichtlich kein Problem. Ich selbst und auch mein Mitbewohner gehören nicht ganz in diese Kategorie und ziehen es vor, uns unbemerkt an Bord zu schleichen.

Für eine Pariser Party ist der Schwarzen-Anteil mit null hier ungewöhnlich gering. Aber englische Universitäten sind keine Bildungseinrichtung für die (bunte) Masse, sondern ein eher elitäres (weißes) System, dass natürlich auch mit einem vollkommen anderen Schlag von Studenten einhergeht. Hier studiert man konservativ, Werte-orientiert und mit einem ordentlichen Vermögen im Rücken (es sei denn man ist durch sehr gute Leistungen aufgefallen und genießt ein großzügiges Darlehen). Ein krasser Gegensatz zu den eher links orientierten Studenten in Deutschland, die in der Masse zwar oft ähnlich unsympathisch, dafür aber mit einem starken Sinn für Gerechtigkeit in aller Welt ausgestattet sind. Hier ist man vielmehr offen elitär.

Für die nicht gezahlten 35 Euro bekommen wir dann auch sehr viel "Englishness" geboten. Während der DJ im Rumpf der Barkasse bereits rotiert, stehen die jungen Mädels in ihren Ballkleidern und die jungen Herren mit Frack und Schlipps doch eher passiv da. Hier sieht wirklich jeder soo Englisch aus. Die Stimmung kommt erst langsam mit dem Alkohol.
Dann lösen sich die Herren langsam aus ihren distinguierten Konversationen mit Zigarre und diesem unwiderstehlichen, aber leicht gekünstelten Lachen (hust hust), das sie sich sicher von ihren Vätern, den Lords ihrer Majestät abgeschaut haben, und wagen sich an die ebenfalls scheuen, Rehkitz-gleichen (hust hust hust) Damen heran, die ihrerseits von verzücktem Gelächter erröten und ihre junge, erst neunzehnjährige, doch ach so weiße und sehr englisch-proportionierte Hand dem Herrn entgegenstrecken.

Das Ende des Abends versinkt dann im grauen Dunst.

Am Montag gab es Noten im Französisch-Kurs. Wir hatten eine Klausur mit vier Seiten zur Frage "Qu'est-ce qu'un acteur?" geschrieben und sollten nun, bevor wir die Noten bekämen, über unsere eigene Leistung im letzten Semester resümieren. Nachdem alle recht schüchtern erklärten, dass sie teilweise ganz zufrieden wären aber teilweise auch nicht genug geleistet hätten, war ich an der Reihe.

Ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass meine Klausur nicht sonderlich verlaufen war und beschloss daher, nochmal zu versuchen das Ruder herumzureißen. Also begann auch ich erstmal mit einem kurzen Abriss über meine guten Leistungen. Aber dann, anstatt meine Schwächen zu betonen, fing ich an den Professor und seine Kursleitung zu kritisieren. Ich erklärte, dass ich mit seinen Hauptargumenten unserer über das Semester geführten Diskussion überhaupt nicht einverstanden wäre. Ich beschuldigte ihn, uns lediglich beweisen zu wollen, dass früher alles besser gewesen wäre und das seine Beweisführung absolut unzulässig wäre, weil er da ja Äpfel und Birnen vergleiche. Nach dem ich so ein paar Minuten vor mich hin argumentiert hatte unterbrach mich der Lehrer, erklärte "ja an Sie erinnere ich mich recht gut" und gab mir einen Extrapunkt. Ich beendete den Kurs mit der besten vergebenen Note.

Das war mein Jahr in Paris. Es ist noch nicht ganz zuende, doch die letzten zwei Wochen werden undokumentiert bleiben - nur ein paar Kleinigkeiten vorweg vielleicht: Ich muss noch einmal an die Uni: Meine Abreisebestätigung und die grandiose Liste mit all meinen belegten Kursen im Sekretariat abholen. Dann werde ich auch noch ein letztes Mal nach Creteil fahren, der freundlichen arabischen Bäckerin auf Wiedersehen sagen und meine Konto-Angelegenheiten mit meiner verhassten Bank (BNP-Paribas, damit alle gewarnt sind. Schlimmer ist nur noch Credit Lyonais) regeln.

Noch einmal werden am nächsten Wochenende fast alle meine Freunde aus der Zeit in Paris hier versammelt sein (zum Beispiel die im Bild oben). Diejenigen, die bereits abgereist waren, haben sich noch einmal für ein Wochenende angekündigt. Dann kommen noch drei Tage ausziehen und aufräumen und schließlich geht es wieder in Richtung Osten, ins Land der aufgehenden Sonne...

Nein - ich vergehe nicht vor Abschiedsschmerz. Ein bisschen traurig ist es aber schon. Schon allein, weil in der Heimat erstmal wieder lernen angesagt sein wird - ich habe genau 40 Tage um mich auf die nächsten Klausuren vorzubereiten. Dann, im Sommer werd ich wieder hier sein, in Paris warten noch mein Mitbewohner und meine alte Wohnung auf mich.

Bis dann. Und Danke für die Aufmerksamkeit!

Dienstag, Mai 29, 2007

Erasmus am Ende

Gestern hatte ich meine letzte Klausur. Jetzt folgen nur noch ein paar Essays, einzureichen in einer Woche und ab dann bin ich eigentlich nur noch zum Spaß in Paris.
Viele andere Erasmus-Studenten sind schon nach Hause gefahren, mit einer von ihnen, Aline, habe ich mich letztens zu einem Abschieds-Café an der Metro Jussieu verabredet. Bei arabischem Tee und Gebäck und später einem Spaziergang durch den botanischen Garten (mit Känguruhs!) haben wir das letzte Jahr nochmal Revue passieren lassen. Hat es sich eigentlich gelohnt?

Natürlich muss man zugeben, dass ein ERASMUS-Jahr "anders-effizient" ist. Man schafft nicht so viele Kurse wie zuhause, das liegt schon ganz natürlich an den sprachlichen Problemen, zumindest zu Anfang. Hinzu kommt, dass nicht die gleichen Kurse wie zuhause angeboten werden und es somit schwierig ist einfach "synchron" weiter zu studieren. Im Endeffekt habe ich mir in Frankreich Kurse ausgesucht, die ganz anders hießen, als die nächsten, die bei mir in Deutschland auf dem Plan gestanden hätten. Bei mir kommt aber auch der Spezialfall hinzu, dass ich noch nicht mal ganz mit dem Grundstudium fertig war, als mich Paris "gerufen" hat.

Insofern war es ein Abenteuer. Das französische System macht es an meiner Uni unmöglich, schon im vorab verbindlich festzulegen, welche Kurse des Auslandsjahres später anerkannt werden. Ein genauer Plan über Kursinhalte und Literatur fehlt im Internet - genau das fordern aber deutsche Dozenten um Garantien abgeben zu können. Und wenn man dann im Ausland ist, muss man es mit manchmal abenteuerlichen Kombinationen aus mehreren Fächern versuchen, um daheim vielleicht eine Anerkennung zu bekommen. Ich habe daher eine andere Strategie gewählt.

Ich habe (nachdem alles andere unheimlich mühsam und wenig erfolgversprechend erschien) einfach das Interessanteste dessen gewählt, was angeboten wurde. Ich habe Kurse genommen, von denen ich zunächst nicht wusste, ob sie in Mainz überhaupt angeboten werden und mich probeweise schon in eine recht präzis-definierte Richtung der Volkswirtschaft bewegt. Ich habe quasi vor dem Ende meines Grundstudiums die Chance wahrgenommen, schonmal mitten ins Hauptstudium zu schauen und mich in eine Richtung zu spezialisieren. Das gibt mir Motivation für das weitere Studium daheim. Von daher hat es sich also gelohnt.

Durch mein "Memoir" - eine Art Semesterarbeit, hatte ich erstmals in meinem Studium das Gefühl, auf einem sehr eng begrenzten Gebiet zum "Experten" zu werden und mich gründlich auszukennen. Das war hier möglich, weil man sich in Frankreich erstens früher spezialisiert und zweitens, weil man als Erasmus-Student natürlich jede Freiheit bei der Kurswahl genießt.

Aline ist einverstanden - es hat sich alles in allem gelohnt, auch wenn man sicherlich zumindest ein bisschen Zeit im Studium verplempert hat. Jetzt fährt sie erstmal Heim, ins Aoste-Tal am Fuße des Mont Blanc um über den Sommer auf dem Hof der Eltern zu arbeiten. Das ist ein attraktives Vorhaben. Ich fahre heim, um in Deutschland den Rest des Sommersemesters mitzumachen und endlich doch mein Grundstudium abzuschließen. Das ist auch...."anders-attraktiv".

Foto: Nostalgie: Ehemalige Austausch-Studentinnen aus aller Herren Länder erinnern sich.

Montag, Mai 14, 2007

Formvollendet Vorgeführt

Am Freitag hatte ich meine Klausur in "Politique du Développement" und dachte anschließend eigentlich, für eine kleine Weile nun meine Ruhe zu haben. Die Klausur war gut verlaufen. Nur der Professor war etwas verärgert, weil ihm offensichtlich jemand Aufgabenblätter entwedet hatte, die später auf der Toilette wieder auftauchten. Wir bekamen also eine neue Aufgabe und hatten dann zwei Stunden Zeit, eine Fragestellung und schlüssige Argumentation (inkl. aus dem Kopf zitieren) aufzusetzen.
Anschließend fuhr ich nach Hause, legte mich aufs Sofa und - bekam eine Nachricht aufs Handy:
"La soutenance de votre memoir sera lieu le lundi à 12 heures." hatte mir da eine Dame aus dem Instituts-Sekretariat auf den "Repondeur" gesprochen. Meine was? Meine Verteidigung?

Ach ja mein Memoir. Ich dachte eigentlich die 27 Seiten hätte ich hinter mir. Doch nein: Eine kurze Anfrage bei meinem Professor ergab bald, dass es um eine kurze Präsentation meines Memoirs und eine anschließende Diskussion gehe. Eine weitere kurze Mail verriet mir, ja, auch ein Projektor sei vorhanden, einer Powerpoint-Präsentation stehe nichts im Wege.

Somit war meine Wochenendplanung weitgehend festgelegt und ohne wirklich zu wissen, was mich erwartet bereitete ich mich auf eine Präsentation meiner Arbeit vor. Wird der Vortrag öffentlich sein? Darf jeder mitdiskutieren? Was muss ich anziehen? Ich beschloss mir selbst nicht allzuviele Fragen zu stellen und fuhr dafür am Montag Morgen einfach etwas früher an die Uni. Ich wollte sehen, wie sich die anderen Studenten schlagen würden.

Vor dem "Salle Keynes" saßen bereits zwei Studentinnen, eine davon erkannte mich auch sofort und wir verglichen unsere Präsentationen. Soweit ich mich umsah war ich der einzige mit fertiger Powerpoint-Präsentation und auch der einzige mit ordentlichem Hemd. So schlimm würde es also nicht werden.

Andere Studenten kamen hinzu, gelegentlich trat der Professor aus dem Tagungszimmer und rief den nächsten Kandidaten auf. Eine der wartenden Studentinnen war offensichtlich sehr nervös. Sie hatte "Rescue-Spray" ("alles pflanzlich") dabei, um ihrer Nervösität Herr zu werden. Ihr Zustand verschlechterte sich, als sie 10 Minuten vor ihrem Auftritt feststellte, dass ihr Spray alle war.

Einen gewissen Grund für Nervosität konnte auch ich ausmachen: Vor mir waren 3 Studentinnen an der Reihe - alle drei fielen durch, mussten ihre Arbeit in einem Monat in neuer Fassung noch einmal einreichen.
Schließlich war ich an der Reihe. Ich nahm mir beim eintreten fest vor, die Spannung der Situation sofort ein bisschen aufzulösen: "Wie wars in Vietnam, Herr Professor?"

Die Taktik funktionierte recht gut. Ein kurzer Plausch über beeindruckende Erfahrungen in Asien und anschließend ging es ein bisschen zu wie beim Videoabend zuhause. Ich startete die Präsentation während wir beide zurückgelehnt auf unseren Stühlen saßen und der Professor gelegentlich Zwischenfragen stellte.

Die ganze Präsentation lief gut, in der geplanten Zeit, und nur aufgrund von etwas komplizierteren Zwischenfragen verfiel ich zwei oder dreimal kurz ins Englische - für den Professor auch kein Problem. Schließlich diskutierten wir noch ein paar Minuten über einige Punkte und der Professor erklärte mir was er noch gerne hinzugefügt hätte.
Alles in allem zeigte er sich aber durchaus sehr zufrieden, vor allem die Form und Präsentation hatten ihm gefallen. Er speicherte sich meine Präsentation ab um später seinen Studenten zu zeigen, wie es richtig geht.

Als wir fertig waren war ich auch hochzufrieden und fühlte mich sehr erleichtert. Bis genau zu dem Zeitpunkt, an dem Professor Najman interessiert nachfragte: "und haben sie auch sonst viel geschafft, im letzten Semester?" Einem durchschnittlichen Erasmus-Studenten muss an dieser Stelle ein bisschen heiß werden.

Foto: Auch sehr heiß: Die letzten Nächte in Paris. Inzwischen ist der Ärger der Linken aber ziemlich verglüht, genau wie dieser Kleinlaster, den Florian und ich am Marais gefunden haben.

Dienstag, April 17, 2007

Uni-Alltag: Prokrastination mach ich schon

Als unser Professor Najman vor den Osterferien vorschlug, man solle doch die freie Zeit in den Ferien nutzen um das Memoir abzuschließen, vor allem da anschließend der ganze Klausurenstress anfange, war ich doch schon ein bisschen verlegen. Heute, eine Woche nach den Osterferien, stecke ich noch immer mitten in der Arbeit. Spontan habe ich mich im Studiverzeichnis der Gruppe "Prokrastination - mach ich schon" angeschlossen.
Derzeit stehe ich früh auf und verbringe meine Vormittage vor den normalen Uni-Veranstaltungen in der Instituts-Bibliothek. Ich komme generell ganz gut voran und habe etwa zwanzig Seiten geschafft. Kleiner Wehrmutstropfen: Ich schaffe es nicht von Anfang an auf französisch über mein Thema "Migrationsauswirkungen auf die Quellländer im nördlichen und subsaharischen Afrika" zu dozieren - die nächste Woche soll daher ganz der Englisch-Deutsch-Französischen Übersetzungskunst gewidmet sein - Hurra!
Eine viel schlimmere "Prokrastinatorin" (das Wort hat es mir angetan - es steht für Leute mit zwanghaftem Aufschiebeverhalten) habe ich heute getroffen. Das steigert natürlich die eigene Laune und das Selbstwertgefühl. Die junge Italienerin hat noch nicht viel mehr als das "Planning" (dieses Wort ist französisch auszusprechen) zustande gebracht und bleibt dennoch italienisch zuversichtlich.
In meinem deutschen Studienplan für Volkswirtschaftslehre ist eine Arbeit wie mein Memoir nicht vorgesehen. Von daher mache ich mir auch nicht viel Hoffnung auf eine eventuelle Anerkennung in meinem deutschen Notenheftchen. Dennoch ist so ein Memoir durchaus eine nette Übung. Zum einen hat man das Gefühl produktiv zu sein - wichtig nach einem Jahr ERASMUS. Zum anderen will der Professor immer mal wieder über den Fortschritt der Arbeit informiert werden und gewinnt so mit der Zeit Zutrauen. Vor wenigen Wochen ist Professor Najman mit mir ganz euphorisch durch diverse Sekretariate gestapft und hat mich mit meinem Anliegen überall vorgestellt: "Dies hier ist Herr Argus, ein sehr intelligenter Student aus Deutschland, er bräuchte hier eine Auskunft." Dabei hat mein Professor in der Tat keine Ahnung, wie intelligent sein Student wirklich ist - ich bin da ganz froh, dass wir die Auskunft über meine Noten des letzten Semesters doch nicht gekriegt haben. Das Zutrauen soll ja nicht gleich wieder erschüttert werden.

Foto: Weiterhin Frühlingsstimmung in Paris.

Donnerstag, Februar 08, 2007

Travaux Dirigées


Das Semester hat angefangen. Dies mal soll es doch ein bisschen produktiver zugehen und so habe ich auch einige "Travaux Dirigées" im Stundenplan stehen. Das sind quasi Seminare, die begleitend zu bestimmten Vorlesungen angeboten werden. Anstatt nur zuzuhören und mitzuschreiben, geht es in diesen Kursen auch um Mitarbeit, Referate und kleine Tests. Das klingt erstmal anstrengender, ist aber nach all der Vorlesungs-Routine ein angenehmer Nervenkitzel.

In der ersten Stunde haben wir erst einmal fünf dicke Dossiers ausgeteilt bekommen, die sämtliche Themen des Semesters umfassen. Jeder Student wird sich mit einem Thema näher beschäftigen und darüber referieren. Unsere Dozentin ist Madame Cao, eine junge Asiatin, die mir sehr umgänglich scheint und vielleicht aus eigener Erfahrung mein Fremdsprachen-Problem verstehen kann.

Das Sprachenproblem ist in diesen Kursen wahrscheinlich sogar eher geringer als in den Vorlesungen. Denn die Mitschreibe-Geschwindigkeit ist nicht so hoch. Referate und mündliche Vorträge lassen sich zuhause vorbereiten und die Interaktion mit den anderen Studenten ist sehr viel intensiver. So kommt man leichter an Hilfe und verbessert sein Französisch.

Zusammen mit einem Handwerker, der hier was zu richten hat, sind heute auch ein paar Briefe in die Wohnung geflattert. Französische Geschäfts-Korrespondenz fasziniert vor allem wegen ausschweifender Höflichkeitsfloskeln. Abschließend heute ein nettes Beispiel:

Dans cette attente et en vous remerciant pour la confiance que vous nous accordez, nous vous prions de croire, Monsieur, à nos sentiments dévoués.

Will sagen: Freuen uns auf ihre Antwort, Auf Wiedersehen.

Foto: Heute Morgen einen lauten Knall gehört. Es hat sich dann herausgestellt, dass es um die Gewerkschaft der Eisenbahn handelt, die bei uns vor dem Haus demonstriert. Warum bei uns?

Freitag, Januar 12, 2007

Prüfung geschafft


Meine wichtigste Prüfung am Ende des ersten Semesters in Paris war Economie du Développement. Aber obwohl es sich hier um eine Uni handelt, würde ich den Schwierigkeitsgrad eher im Bereich einer normalen Oberstufen-Klausur an der Schule ansiedeln. Ein paar Stunden in der Institutsbibliothek und einige Mitschriften von Kommilitonen reichten aus, um mit einem angemessen sicheren Gefühl am Prüfungstermin vor dem Saal 103 aufzulaufen.

Die Mitschriften von französischen Kommilitonen sind noch immer ergiebiger als meine eigenen, da es doch noch immer gelegentlich zu Lücken kommt. Kein Wunder, wenn ich versuche gleichzeitig französisch zu verstehen, Fachwörter ins Englische zu übersetzen, dabei selbst gelegentlich noch auf deutsch denke und auch noch System in die Niederschrift bringen will. Ich bin also in einem babylonischen Sprachwirrwarr gefangen, außerdem in einem französischen Organsiations-Chaos : Meine Prüfung beginnt mit einer Stunde Verspätung und sieht vollkommen anders aus als angekündigt.

Unser Lehrer hatte erklärt, er verlange von uns ein Essay zum Thema, er unterfüttere uns zu diesem Zwecke lediglich mit Graphen, einigen Statistiken und vielleicht einem kurzen Zeitungsartikel. Fragestellung, Aufbau der Argumentation und so weiter oblägen demnach unserem Gusto. Am Ende bekamen wir eine vollkommen ordinäre Klausur mit ordinären Fragen zu Harrod-Domars Wachstums-Modell und Ähnlichem vorgesetzt. Nicht unbedingt schwer, aber doch viel langweiliger.

Nach getaner Arbeit habe ich das abgeschlossene Semester im Pariser Mix-Club mit einigen Freunden ausgiebig gefeiert. Viele meiner Kommilitonen fahren schon nach diesem ersten Semester wieder nach Hause. Die meisten von ihnen sind froh darüber. "Ich muss endlich mal wieder weiter kommen mit meinem Studium" ist ein gängiges Argument. Und natürlich vermissen viele ihre Freunde und die Familie zuhause. Die kürzlich zuende gegangenen Weihnachtsferien scheinen das Heimweh bei vielen noch verstärkt zu haben. Mir selbst geht es gar nicht so. Ich wollte noch lange nicht wieder nach Hause. Was sollte ich jetzt in Mainz? Einfach weitermachen wie zuvor? Gerade habe ich mich richtig bequem in Paris eingerichtet - das möchte ich auf jeden Fall so lange wie möglich weiter auskosten.

Auch was die Sprache angeht, habe ich nicht das Gefühl, dass ein halbes Jahr ausreicht. Ich verstehe inzwischen zwar das allermeiste, habe keine Probleme mehr fern zu sehen oder Radio zu hören. In der Regel kann ich mich auch selbst ganz gut verständlich machen. Doch ich glaube, dass ich vieles sehr schnell wieder verlieren würde, und dass das bisher gelernte noch lange nicht ausreicht um zufrieden zu sein. Das Gefühl teilen viele, die jetzt wieder nach Hause fahren. Eine Sprache lernt man nicht in einem halben Jahr.

Foto: Gesellschafts-Eislaufen unterscheidet sich vom Eis-Kunst-Lauf durch das Fehlen atemberaubender Figuren und Sprünge, zeichnet sich dafür aber durch das gemütliche dahingleiten aus, das zu sozialer Kontaktpflege genutzt werden kann. Auch ein kleines Päuschen bei mitgebrachter Mousse au Chocolat ist durchaus erlaubt.

Donnerstag, Dezember 14, 2006

Éco du Développement


Heute hatten wir das vorletzte Mal vor den Weihnachtsferien "Economie du Développement". Das Fach gefällt mir ganz gut, schon von Haus aus und bei Monsieur Najman ist es auch immer recht anschaulich. Der Vorteil ist vielleicht, dass unsere Uni in Creteil liegt, in einer Stadt also, die schon länger eng mit der Entwicklungsproblematik Nordafrikas eng verbunden ist.

Will heißen: Wir haben Informationen aus erster Hand und wenn wir für ein Rechenbeispiel gerade mal die aktuellen Preise für Hühnchen auf dem Markt von Dakar im Senegal brauchen, fragt Herr Najman einfach einen afrikanischen Studenten aus dem eigenen Kurs. Auch wenn es um die Migrationsproblematik in der Straße von Gibraltar geht oder um die Kosten für Visa in Europa - in der Klasse ist jede dieser Erfahrungen schon dagewesen. Es ist auch tatsächlich eines der wenigen Fächer an der Uni, in dem man rege Mitarbeit zumindest einiger Studenten beobachten kann.

Monsieur Najman ist immer sehr bemüht, seine Schülerschaft zu motivieren, doch mit seinen französischen Tugenden - zu spät ankommen und lange Pausen - macht er seinen eigenen Mühen gelegentlich einen Strich durch die Rechnung. Von Zeit zu Zeit wird die Stunde auch zur Erzählrunde, wenn von den speziellen Schwierigkeiten junger Frauen im Maghreb die Rede ist oder die aktuelle Presse Anekdoten zum Thema beisteuert.

Heute habe ich mir in der Bibliothek die Modelle von Harrod Domar und Solow nochmal angesehen, die wir auch schon in unserem Kurs behandelt haben. Das Buch, das ich dafür benutze ist, wie die meisten in diesem Fach, in englisch geschrieben - für viele Franzosen in unserem Kurs ein Problem. Und so geht auch noch etwas mehr Unterrichtszeit nach der Zigarettenpause drauf, wenn Monsieur Najman das Wort "household" nochmal buchstabieren soll.

Einem Verfall der Disziplin unter den ausländischen Studenten versuchen indes die zwei Mädels aus dem Delcife-Büro zu verhindern. Jedesmal wenn man hereinkommt, wird man erstmal schief angeschaut. Dann wird man an die verantwortliche Stelle verwiesen als ob man das längst wissen müsste. Als nächstes wird die Unordnung in den mitgebrachten Unterlagen bemängelt ("Da ist ein Blatt von der Immatriculation pédagogique unter den Unterlagen der Fremdsprachenkurse - junger Mann - c'est un bordell!"). Bei den Mitstudenten, deren Französisch noch etwas schwächer ist, wird erstmal extra schnell gesprochen - und generell sind keine Plätze in den Kursen mehr frei.
Erst etwas später im Semester findet man heraus, dass die beiden Mädels eher zum Selbstzweck existieren, da frei nach französischer Mentalität jegliche Organisation in der Praxis ohnehin über den Haufen geworfen und jeder nachkommende Student doch noch in den Kurs aufgenommen wird.

Foto: Nachtrag zur Königsdebatte vom letzten Eintrag: Ist da nicht ein klein wenig Königlichkeit in diesem Gesicht? Florian mit einer Ausgabe von "Florian et le petit prince".

Montag, Dezember 04, 2006

Wenn der Weihnachtsmann zweimal klingelt (oder zu frueh)


Weihnachten naht und Paris wird in das Licht tausender Girlanden getaucht. Sogar im fernen Creteil, wo ich mal wieder vorbeigeschaut habe, erhellt die Festbeleuchtung einige ansonsten des nachts bedrohlich dunkle Flecken.

Am Wochenende hatten wir unseren ersten Advents-Kaffee, echt mit Zimtsternen und Spekulatius. Sowas ist garnicht so leicht aufzutreiben, soweit weg vom Mutterland der froehlichen Weihnacht, aber es gibt Geruechte, nach denen es hier sogar Elisen-Lebkuchen zu haben gibt - ganz kleine nur und sicherlich teuer, aber wir sind schonmal gespannt auf den zweiten Advent.

Etwas hat der Weihnachtsmann schon heute hier abgegeben: Meinen neuen Mitbewohner fuer das verwaiste Doppelzimmer in Creteil. Sein Name ist Bogdan, er kommt aus Rumaenien, macht aber einen ganz netten Eindruck. Die Sache kommt etwas ueberraschend, ich hatte mich schon auf ein leeres Zimmer bis ins neue Jahr gefreut, aber da ich ja wie gesagt sowieso fast nie da bin in der letzten Zeit, duerften wir kaum Probleme miteinander kriegen. Ich spreche kein Rumaenisch und er kein Deutsch - ein perfektes Uebungsfeld fuer unser Franzoesisch ist es also zudem. Wobei es allerdings gewaltiges Nervpotential hat, staendig nur radebrechendes Franzoesisch zu hoeren. Wenn ich schon nicht so perfekt in dieser Sprache bin, sollte es doch bitte der andere sein.

In der Uni naehern sich die Klausuren und die 30 Punkte-Regel hat mal wieder bei einigen Kommilitonen fuer Transpirations-Schuebe gesorgt. (Zur Erinnerung: Die Regel besagt, ohne die Spezifizierung von weiteren Sanktionen bei nicht-befolgen, dass im Semester 30 ECTS-Nonsense-Punkte zu erbringen sind) Da auch bei mir diese Huerde aufgrund sprachlicher und sonstiger nicht-Kompetenz gerissen werden wird, habe ich mich nun einmal vorgewagt und eine Mail an meine Uni geschrieben. Dort erinnert man sich an garnichts und verspricht mir mein Stipendien-Gehalt auch fuer die Belegung eines einzigen studienrelevanten Faches im Semester. Na dann: froehliche Weihnachten!

Foto: Irgendwo zwischen Boulevard St Germain und Seine (auf dem linken Seine-Ufer also) stehen diese Lampe, diese Baeume und diese (mir sehr wohl bekannte) Person.

Montag, November 27, 2006

Landpartie und Leistungsnachweise


Am Sonntag gab es einen hübschen Sonntagsspaziergang im Park des Schlosses von Versailles. Genauer in einem der zahlreichen umgebenden Parks, im englischen Garten. Florian, der Kunsthistoriker, hatte eine nette Kunsthistorikerin aufgetan, die sich ebenfalls anschloss. Ein Freund von Christian (nicht aber der selbst, da er an einer Form der Halslepra - vielleicht auch an Erkältung leidet) und Lee, ein Gentleman aus England waren ebenfalls mit von der Landpartie.
Florian hat sich für derartige Unternehmungen auch schon den richtigen Auftritt zurechtgelegt: In gedeckten Brauntönen und stets mit Regenschirm immitiert er den Hanseaten bei Landgang fast perfekt. Besonders stolz ist der Hobby-Konservative auf seinen Schirm, weil der wahrscheinlich mal dem wichtigsten Kunsthistoriker Deutschlands, einem Herrn Warnke gehörte, der den Schirm angeblich im Institut vergessen haben soll.
Mit seinen Hintergrundinformationen sind solche Ausflüge natürlich sehr lehrreich, aber so eine Balade macht nach der ganzen Stadtluft der letzten Wochen vor allem auch Spass.

Metrofahren zum Beispiel ist inzwischen eine wirklich ermürbend regelmäßige Beschäftigung geworden. Jeden Tag verbringe ich etwa zwei Stunden im Untergrund. Wichtig ist es da, stets ein gutes Buch dabei zu haben. Auf diese Weise plane ich im Verlauf des Jahres noch einen Gutteil der zeitgenössischen Literatur durchzuarbeiten, gerade lese ich von apokalyptischen Attacken aufgebrachter Meeresbewohner auf die zivilisierte Welt.

In der Uni habe ich heute mal wieder etwas länger auf meinen Kursleiterfür den Eco-Francais-Kurs gewartet und das Gespräch mit den Umstehenden kam auf Studienleistungen während des ersten Auslandssemesters. "Wieviele Kurse belegst du?" ist dabei die Gretchenfrage. Natürlich sind 30 ECTS Punkte vorgeschrieben, aber nachdem ich zunächst den Eindruck hatte, nur bei mir würde das so nicht ganz passen mit den Kursen, erfährt man inzwischen mehr über die Probleme der anderen. Der erste Student in der Runde, der sich heldenhaft vor traut und sich mit seinem Geständnis quasi nackt auszieht vor seinen Kommilitonen gibt schamhaft zu: "Zwölf Stunden die Woche."
Eine Slowenin fasst Mut und gibt zurück: "Drei Stunden die Woche."
Kurzes Staunen über soviel Selbstsicherheit und dann fallen alle Barrieren. Kurzum: Ich steh nicht schlecht da, mit meinen derzeit etwa einem dutzend Kursstunden die Woche. Die Mehrzahl der Kursstunden wird in diesem Semester, wie bei den meisten Ausländern, mit Sprachkursen bestritten, nur in wenigen Fachkursen sind genügend Ausländer vertreten, um den Dozenten einen rücksichtsvolleren Dozier-Stil abzugewinnen. Aber die Situation verbessert sich: Inzwischen komme ich auch bei rein französischen Vorlesungen besser mit als nur in Fünf-Sätze-Häppchen - für Ambitionen auf die Klausuren zwar zu spät, aber ich sehe dem nächsten Semester schon recht positiv entgegen.

Fotos: Pseudo-hanseatisches Pärchen in Versailles (oben) und Abendstimmung vor dem Eingang zum englischen Garten (unten).

Montag, November 13, 2006

Beschwerden


Unsere Französisch-Lehrerin in meinem Grammatik-Kurs hat sich über das niedrige Niveau unseres Jahrgangs beschwert. Der Lehrer im Informatiklabor hat sich gleich im Allgemeinen über dieses Hundeleben in Paris und Umgebung beschwert und angekündigt sich für das nächste Jahr in den Ruhestand und in die Bretagne abzusetzen.
In einer persönlichen Unterhaltung mit ihm, um die ich sicher nicht gebeten hatte, erklärte er mir später, dass er bereits vor Jahren den Liegeplatz für sein neues Boot reserviert hat, da die Wartezeit für einen Liegeplatz in einem südbretonischen Hafen derzeit acht Jahre beträgt. Wir könnten auch gerne mal vorbei kommen und von seinen gefangenen Fischen probieren.
Aber zurück zur Kritik meiner Französisch-Lehrerin. In meinem Grammatik-Kurs schreiben wir jede zweite Stunde eine Klausur und in der ersten dieser Klausuren habe ich denkbar schlecht abgeschnitten. 11,3 ist eine Note etwa auf halber Strecke zur 20, was in Frankreich die Bestnote darstellt. Und das, obwohl ich augenscheinlich einer der besten französisch-Sprecher dieser Klasse bin. Zugegeben - Grammatik-Regeln waren noch nie meine Stärke. Wenn ich spreche kann ich mich in vielen Fällen bereits auf mein Gefühl verlassen, nicht aber bei den Sätzen, die es in der Klausur zu bilden galt.
Inzwischen kann ich bei einem Gespräch zwischen Franzosen (etwa wenn ich, wie anfang der Woche von Arnaud zu Freunden mitgenommen werde) ganz gut mitmachen und habe auch immer weniger Probleme mich auszudrücken. Der Wortschatz wächst mit einer gewissen Geschwindigkeit und auch das Sprachgefühl stellt sich ein. Aber wie gesagt - nur wenn ich mir selbst aussuchen darf in welcher Weise ich formuliere. Offenbar umgehe ich dabei automatisch hinterhältige "dont"-s und ähnliche Formulierungen. Daher habe ich mir jetzt erhöhte Aufmerksamkeit verschiedenen Grammatikthemen gegenüber verschrieben. Mal schauen, ob also diese Woche meine Klausur ein bisschen besser ausfällt.

Foto: Demnächst in diesem Blog: Mein Kurzurlaub in Warschau - Schlangestehen wie damals? (Tatsächlich eher: Schlangestehen vor dem Louis-Vuitton-Store auf den Champs Elysées.)

Donnerstag, November 02, 2006

Richtigstellungen



Ein so viel gelesenes "interaktives Magazin" ist natürlich nie ganz fehlerfrei und zieht so manche Kritik auf sich. Einer meiner härtesten Kritiker ist wohl Arnaud, der sich nun in schriftlicher Form an die "Redaktion" gewandt hat.

Hier einige Auszüge:

"pfff, alles was du geschrieben hast, stimmt nicht...

Laurent ist der Sohn des EHEMALIGEN Botschafters in Polen

Die Veranstaltung war ein "cours magistral", eben kein Seminar, wo es interaktiv sein soll...und die Besonderheit von ScPo liegt eben darin, dass wir bei den Prüfungen eben nicht auswendiglernen müssen, weil wir "dissertations" schreiben...und auswending zu lernen wäre dabei nicht von großer Hilfe...

schlecht Simon, sehr sehr schlecht ..."

und weiter:

"Ich könnte dir vor Gericht ziehen ! ...;-)"

darauf die "Redaktion":

"entweder könntest du MICH vor Gericht ZERREN,oder MIT MIR vor Gericht ziehen. Auf wiedersehen."

(Die "Redaktion" hat schwerwiegende Rechtschreibfehler korrigiert, den Wortlaut jedoch beibehalten).

Zum Tagesgeschäft: Florian, der Kunsthistoriker war auf dem Friedhof "Père Lachaise" unterwegs und hat dort unter anderem, wie ich vor ein paar Tagen, das zugeküsste Grab von Oscar Wilde gesehen. Beim Abendessen bei ihm zuhause verfiel er dann augenblicklich ins Schwärmen für den Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg, der auch nicht ganz schlecht sei. "Und die Rhododendren-Büsche überall - herrlich!"
Ich war letztens zu ungewöhnlicher Uhrzeit auf den Champs Elysées unterwegs, wartend auf die erste Metro des Tages.
Ich unterhielt mich auf einer Bank mit einem Freund, als der plötzlich eine nahende Gestalt bemerkte, die uns kurz darauf um etwas Kleingeld bat. Zunächst ging ich davon aus nur einen weiteren besoffenen und etwas Nähe und Geborgenheit suchenden Partybesucher getroffen zu haben, doch sehr bald schon sollte ich meine Meinung ändern: Fünfzig Euro verlangte der gar nicht soo Betrunkene und als Argument bedrohte er uns mit dem Messer. Leider war weit und breit niemand sonst zu sehen und so schlugen wir uns etwa fünf Minuten mit dem Typen herum, der abwechselnd meine Begleitung und mich bedrängte und bedrohte, bis endlich ein Schwarzer dazwischen kam und den Spuk beendete. Die fünfzig Euro haben wir behalten.

Foto: Englischer Garten von Versailles.

Dienstag, Oktober 24, 2006

Ein Konto bei der Weltbank


Heute Morgen hieß es früh aufstehen: Die Filiale der Weltbank in Paris lud zur Vorstellung des "World Development Report" und nach einem Hinweis durch unseren Professor hatte ich mich auf die Gästeliste setzen lassen.
Die Weltbank, mit dem wenig sympathischen Herrn Wolfowitz an ihrer Spitze, hat den Auftrag die Entwicklung benachteiligter Länder durch Beratung und finanzielle Hilfen anzutreiben. Jedes Jahr wird der "World Development Report" veröffentlicht, der sich jeweils auf einen Schwerpunkt der Entwicklungsprobleme fokussiert. Dieses Jahr ist das Thema des Berichts die große Gruppe der 12-25 Jährigen Jugendlichen, die eine Ausbildung auch über einfaches Schreiben und Rechnen hinaus benötigen.
Nach der Sicherheitskontrolle im "Centre international des congresses Kléber" fand die Empfangsdame tatsächlich meinen Namen zwischen dem vieler arrivierter Herren in feinen Anzügen und da ich nicht der einzige von unserer Universität war, der im Sitzungssaal Nr 8 platz nahm, freute sich die Moderatorin der Veranstaltung über so viel junges Publikum.
Hinter den Mikrofonen nahmen drei Herren und zwei Damen Platz. Der jüngste von ihnen war der Herr von der Weltbank, die Dame mit den roten Haaren links von ihm die Moderatorin.
Auf der Gegenseite: Vertreter der NGOs sowie des französischen Staates, die den Bericht kommentierten.
Zunächst wurde der Bericht vorgestellt - dann zerissen. Der arme Mann von der Weltbank (lustiger Ausdruck irgendwie) hatte alle Mühe mit seinem leicht eingeschränkten Französisch all den Professoren und Dozenten im Saal (und einem Ex-Mitarbeiter derselben Bank) stand zu halten, die alle ganz anderer Meinung waren. Das Glück war nicht auf der Seite des kleinen Mannes von der Weltbank, als irgendein Protestler auf der Straße vor dem Gebäude auch noch seine Hupe auf Dauerbetrieb stellte und die Veranstaltung so einige Minuten lang störte.

Jetzt kann ich mir überlegen ob ich genug verstanden habe um meine Semesterarbeit (die gerade zu einer Jahresarbeit ausgeweitet wurde) mit dem Bericht zu bereichern. Ich bin noch immer auf der Suche nach einem Thema, dass ich gut bearbeiten kann.

Fotos: Oben: Präsentation des Welt-Entwicklungsberichts in Paris, Unten: Entwicklungshilfe, wie sie in unserem Wohnheim praktiziert wird.

Montag, Oktober 09, 2006

Bon CV?



Ich muss den Blog-Titel ändern. Arnaud ist schuld daran. Gestern Abend war ich mal wieder bei ihm zu Besuch, ein bisschen was trinken - und eben auch im Internet rumsurfen.
Er erklärte mir, es sei lächerlich, zu schreiben, ich sei aufgrund eines ERASMUS-Stipendiums hier. Das Stipendium beträgt eh nur 90 Euro im Monat und wäre ja wohl nicht zu vergleichen mit einem echten Stipendium, wie zum Beispiel des akademischen Auslandsamtes oder einer vergleichbaren Einrichtung.

Er beließ es noch nicht dabei, sondern steigerte sich in eine kleine Ansprache hinein: Ich hätte ja nicht viel geleistet um dieses Stipendium zu kriegen - jeder könne das. Ein echtes Stipendium - ja das habe vielmehr mit Leistung zu tun und ist etwas mit dem man gerne im eigenen CV (Lebenslauf) Punkte sammelt.

Ich fand das erstmal lustig - aber Arnaud denkt wie viele Franzosen (und auch wie einige Deutsche, wobei ich das Gefühl habe, dass diese Denke hier mehr verbreitet ist.). Ein perfekt durchgestyltes CV ist hier alles und ein bedeutendes Statussymbol. Jeder, der etwas auf sich hält, hat das persönliche CV in perfektem Layout auf dem Computer gespeichert und hält es ständig auf dem Laufenden. Stipendien, Sprachkenntnisse, Zusatzqualifikationen und ganz wichtig: Der Name der Universität oder Grande Ecole, auf der man studiert. Ich habe das Gefühl, vieles im Studium in Frankreich hängt vom Ruf ab, den die Schule hat, auf der man sich anmeldet. Namen und Titel sind viel wert - Arnaud geizt nicht damit, er kann auch einiges Vorweisen. Ziemlich oft betont er, dass nicht jeder auf der Science Po studieren darf - der Universität von Chirac und Sarkozy.
Aber eben deshalb nimmt Arnaud "Anstoß" daran, wenn jemand (ohne sich dabei etwas zu denken) sich mit falschen Federn schmückt.

Amüsanterweise hat Arnaud nicht nur sein eigenes CV auf dem Computer gespeichert, sondern auch diejenigen seiner beeindruckendsten Freunde - zum einen wohl aufgrund von Bewunderung, zum anderen auch, weil man sich gerne im Glanze erfolgreicher Menschen sonnt. Ich gebe zurück, dass ich von dieser Art Kult nicht viel halte. Meiner Meinung nach, kommt es nicht so sehr auf die beeindruckenden Namen von Stipendien und Universitäten, sondern eher auf Fähigkeiten und Persönlichkeit an - Dinge, über die ein CV nur bedingt Aufschluss gibt.

Dennoch gebe ich mich schließlich in gewisser Hinsicht geschlagen: In der zweiten Zeile des Blog-Titels steht nun nicht mehr "Mit einem ERASMUS-Stipendium", sondern "Im Rahmen des ERASMUS-Programms...". Wie um zu beweisen, dass all die Aufregung nicht ganz ernst gemeint war, fügt Arnaud noch hinzu: "Ich würde mit niemandem ins Bett gehen, dessen CV ich nicht gelesen habe."

Foto: Wahlkampfauftakt? Seitenstraße des Blvd des Champs Elysée.

Freitag, Oktober 06, 2006

ERASMUS-Party



Am Donnerstag steht normalerweise "Economie du Development" auf dem Stundenplan, aber diesmal sollte der Unterricht leider ausfallen. Alle hatten das mitbekommen - außer den ERASMUS-Studenten natürlich. Vielleicht geht doch noch ein bisschen zu viel Information verloren, wenn wir versuchen dem Unterricht auf französisch zu folgen.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen mit den anderen ERASMUS-Studenten fuhr ich in die Stadt, wo Christian - ERASMUS-Student auf einer anderen Pariser Uni - einen Umsonst-Cocktail-Empfang aufgetan hatte, zu dem wir uns einfach mal dazustellen wollten. Zu dritt (Florian, ein Kunsthistoriker aus Hamburg war ebenfalls dabei) fanden wir den Empfang für Studenten der Pariser Sorbonne schließlich im schönsten Saal der medizinischen Fakultät in der Rue des Ecoles.

Nur kurz dauerten die Ansprachen der offiziellen Vertreter dieser alt-ehrwürdigen Universität und schon kurze Zeit später stürzte sich eine ganze Meute über das exquisite kalte Buffet. Bei uns hatte es zwar ein warmes Buffet gegeben - aber lange nicht so fein und auch ohne die netten Kellner in schwarz-weiß. "Il fait un peu chaud ici" meinte Florian nach 4 Kir zu einem der amüsierten Kellner. Auf um die acht bis zehn Kir (Weißwein plus Cassis) brachte es jeder von uns, bis nach etwa einer Stunde alle Vorräte aufgebraucht waren. Es war nun kurz nach 18 Uhr und wir drei sowie ein Gutteil der anderen anwesenden Studenten waren bereits gut betrunken.

Wir beschlossen, den Rausch nicht einfach vergehen zu lassen sondern den Abend auch noch ganz im Zeichen eines erfolgreichen Auslandsstudiums zu gestalten: Um 11 Uhr beginnen donnerstags gleich zwei ERASMUS-Partys in der Stadt. So lange galt es allerdings das Niveau noch zu halten.

Eine der Partys findet an der Madeleine statt, die andere - unsere - im Mix-Club direkt unterhalb des Tour Montparnasse. Bis 12 Uhr kommen dort alle ausländischen Studenten umsonst rein. Die Disko ist recht groß und sehr modern gestaltet. Im Vergleich zu den Partys auf denen ich bisher gewesen war, war die Musik zwar weniger ausgefallen, sorgte aber doch von Anfang an für eine gute Stimmung.

Binnen einer Stunde war der Laden voll. Auch einige meiner Komilitonen traf ich in der Menge. Wenn man von oben auf die feiernde Masse schaute, bekam man eine Vorstellung davon, wie viele ERASMUS-Studenten es in dieser Stadt geben musste. Immerhin war es nicht mal eine besondere ERASMUS-Party die hier tausende Ausländer (alle mit einem Aufkleber auf der Brust der über die Nationalität auskunft gab) angezogen hatte. Aber man fühlt sich eben leicht sehr allein - als Ausländer in dieser großen Stadt.

Um 10 Uhr am nächsten Morgen war ich zurück in Creteil - pünktlich zum letzten Uni-Tag der Woche - der allerdings sicher nicht der produktivste werden sollte. (Immerhin: Ich konnte endlich meine Carte d'etudiant entgegennehmen)

Fotos (von oben nach unten): Teufelszeug: Kir wird großzügig ausgeschenkt an die unwissenden ausländischen Studenten, die nur wenig später in bester Stimmung in die abendlich überfüllte Metro tänzeln sollten.
Einiges los: Bei der Party im "Mix" ging es hoch her - von wegen Kinderdisko!

Dienstag, Oktober 03, 2006

Organisation war nicht seine Stärke

Ein Bankkonto einzurichten und Bankverkehr an sich mag in Deutschland langweilig sein. Hier nervt es.
Heute war mein einmonatiges Wartejubiläum für meine Bankkarte der BNP und so habe ich sämtlichen Kram zusammen gepackt, den ich von dieser Bank bisher geschickt bekommen habe (also alles außer einem Brief für so etwas Ähnliches wie das "Post-Ident-Verfahren") und bin in meine Filiale gelaufen. Dort hatte man mir bisher, weil eben das "Post-Ident-Verfahren" zur Festellung meiner wahrhaften Existenz noch nicht abgeschlossen war, meine Bankkarte vorenthalten.
Ich lehrte am Schalter meine gesamten Papiere der BNP aus, erklärte, dass mir ein Monat Wartezeit ziemlich lang vorkämen und wartete auf eine Reaktion. Tatsächlich hat es geholfen. Umgehend bemühte man sich, mir die Bankkarte zu überreichen und heute Nachmittag habe ich feierlich die ersten 40 Euro abgehoben. Ein gutes Gefühl. Und eine Ausnahme, wie der Mann von BNP erklärte.

Vielleicht sollte ich auf eine ähnliche Tour einmal versuchen meinen Studentenausweis zu bekommen. Der lässt nämlich auch schon seit vielen Wochen auf sich warten. Um an die mit einem solchen Ausweis verbundenen Vergünstigungen heranzukommen, benutze ich derzeit noch (bisher übrigens stets erfolgreich) meinen Studentenausweis der bekannten Harald-Schmidt-Universität.

Gestern habe ich einen Schweizer kennen gelernt, dem der französische Hang zum Chaos und zur Verschleppung von organisatorischen Aufgaben zu viel ist. Während wir zusammen mit Arnaud den Pariser Autosalon besuchten (Arnaud hatte Einladungen ergattert), erklärte er, seinen Frankreichaufenthalt früher abbrechen zu wollen. Vielleicht ist seine missmutige Stimmung aber auch in seinem Job für Disneyland-Paris begründet. Zum Ende jeden Telefonats wünscht der Disney-Mitarbeiter "a magical day".

Fotos: Von der "Mondial de L'Automobile" in Paris. Am sympathischsten: der Mann am Lada-Stand. Aber was der zu verkaufen hatte, war eben wirklich nicht gerade "attraktiv".

Donnerstag, September 28, 2006

ECTS-European Credit Transfer System


Die europäische Einigung bringt viel Praktisches mit sich. So zum Beispiel können europäische Studenten ohne Schwierigkeiten ein oder zwei Semester auf einer Hochschule in einem anderen europäischen Land studieren. Um das Verfahren zu vereinfachen und verbindliche Vergleichbarkeit zwischen den Universitäten herzustellen hat man das European Credit Transfer System - kurz ECTS erfunden. Für bestimmte Kurse gibt es eine bestimmte Anzahl von Punkten. Stimmt die Anzahl der Punkte auf den verschiedenen Universitäten überein, ist die Anerkennung nur noch Formalia.
Soweit die rosarote Theorie.
Meine Erfahrungen mit ECTS sind da doch eine ganze Ecke Europa-skeptischer. Für mich ist Europa ein Sumpf, das ECTS-System ist die defekte Pumpe zur Trockenlegung desselben und die verschiedenen Universitäten kochen jede ihr eigenes Süppchen, das zur Biodiversität des Sumpfes beiträgt.
Am Dienstag stand ich vor Monsieur Leroy, um mein Leid zu klagen und Aufklärung zu erfahren. Denn in Wirklichkeit kümmert sich natürlich kein deutscher Hochschuldozent um die Anzahl der ECTS-Punkte, sondern er will wissen, ob diejenigen Fächer, die sein Student im Ausland belegt hat auch inhaltlich mit denen im Inland vergleichbar sind. Daher fordert ein Dozent in Mainz Angaben über Inhalt und verwendete Literatur. Diese sind aber an französischen Unis nicht zu haben - nicht online und nicht im Voraus. Man muss schon die ersten zwei Unterrichtsstunden abwarten, bis man eine solche Liste ausgehändigt bekommt.
Schon dieser erste Fakt vereitelt die ganze schöne ECTS Welt - denn stimmt der Inhalt aber die ECTS-Punkte sind unterschiedlich "dann schauen wir da großzügig drüber weg" - so der verantwortliche Professor Sauernheimer in Mainz.
Der Austausch ist auch so zu handhaben - es ist etwas riskanter zwar, was die Anerkennung angeht, aber wenige Wochen nach Studienbeginn sollte man darüber bescheid wissen, ob gleichnamige Fächer auch gleichwertig sind.
Im Sumpf Europa kommen aber noch ein paar Schwierigkeiten (giftige Schlangen und Krokodile) hinzu. Zum einen sind noch lange nicht alle Unis auf Bachelor umgestellt. Zum anderen ändert sich bei vielen Universitäten durch die Umstellung nicht wirklich viel: Gleiche Kurse haben unterschiedliche Namen, gleiche Studiengänge haben unterschiedliche Richtungen, gleiche Studienabschnitte haben unterschiedliche Anforderungen.
In all dem Wusel kann man zwei Universitäten finden, die zufällig aufeinander abgestimmt sind - oder man geht für ein Jahr von Mainz nach Paris.
Ich stehe also immernoch vor Monsieur Leroy, der ein prüfendes Auge auf meinen Zettel geworfen hat, auf dem ich versucht habe, die deutschen Kursbezeichnungen ins französische zu Übersetzen.
Mit dem Finger fährt er von oben bis unten über die Liste. "On n'a pas, on n'a pas, On n'a pas - das haben wir alles nicht. Drei Kurse können sie im nächsten Semester belegen, die könnten übereinstimmen - désolée!"
Naja das klang ja zunächst nach einem sehr einfachen ersten Semester. Ich stellte mich schon darauf ein, in meinem ersten Semester neben meinen Sprachkursen nur ein paar Kurse die mich sowieso interessierten zu belegen - pour mon plaisir sozusagen. Aber bevor ich mir sicher sein konnte ging es schließlich doch nochmal zu Monsieur Najman, der dann ja auch den Contrat d'Etudes unterschreiben sollte.
Monsieur Najman glaubt ganz fest an ECTS. Er hat dann auch tatsächlich noch den ein oder anderen Kurs gefunden, bei dem ich es zumindest versuchen konnte, dessen Anerkennung in Deutschland zumindest theoretisch möglich sein könnte. Aber bei 24 Punkten war das Ende der Fahnenstange erreicht. Uns fiel nichts weiteres mehr ein. Monsieur Najman grübelte eine Minute, dann ging ihm ein Licht auf und er verkündete mir seine großartige Idee: "Sie schreiben ein Memoir! Das übt ihre Sprache und Sie können sich ein Thema aussuchen, das Sie interessiert". Ein Memoir ist eine Semesterarbeit, eine Art Generalprobe für die Diplomarbeit. Ich bin sicher meine Begeisterung fiel mir quasi aus dem Gesicht. Aber inzwischen bin ich auch überzeugt: Eine gute Übung für mein Französisch.

Foto: Hort der Bildung: Nationalbibliothek in Paris.

Dienstag, September 26, 2006

Le choix intertemporel


Manchmal wird man auch wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, was den sprachlichen Fortschritt anbelangt. Einen ganzen Film - so habe ich gestern Abend gemerkt - verstehe ich eben doch noch nicht. Und wenn das ganze Kino lacht bin ich manchmal noch immer total ahnungslos. (Wir haben die meisten Gags nachher nochmal durchgesprochen, damit es nicht ganz umsonst war.)
Oder später - als wir im Café sitzen und Arnaud fordert "Simon, fang endlich an den Subjonctif richtig zu benutzen! Du bist schon drei Wochen hier!"

Die wirkliche Herausforderung aber ist die Uni. Hier muss ich die Sprache verstehen, um am Ende zumindest in manchen Fächern eine Prüfung ablegen zu können. Heute würde es soweit sein - auch wenn ich noch immer keinen festen Stundenplan habe - so vermutete ich mal, dass die heutigen Kurse einen Besuch wert seien.

Der erste ernste Tag an der Uni. Von anderen ERASMUS-Studenten ist erstmal keine Spur zu finden. Mein Kurs - den ich mir herausgesucht habe auf den Verdacht hin, dass er so ähnlich klingt wie ein Kurs in Deutschland, den ich noch belegen muss - heißt Economie Monetaire International.

Ich bin etwas zu früh vor meinem Vorlesungssaal und habe noch etwas Zeit mir die anderen Stundenten in der Aula anzusehen. Vollkommen unstudentisch kommen mir die vor, eher wie eine Mischung aus Oberstufenschülern und Gangster Rappern.
Madame Duchene, die Dozentin, ist dann doch eher die typische Lehrerin mit dem schmalen Gesicht, den dünnen Armen - und einer sehr sehr leisen Stimme.

Wichtig ist, dass Franzosen mit mir laut und deutlich reden, damit ich all die kleinen Worte, die so schnell verschluckt werden verstehe. Dieser Anforderung kommt Madame Duchene erstmal nicht nach. Nach etwa einer viertel Stunde habe ich mich dann aber hineingehört und verstehe sie ganz gut. Allerdings erfordert es eine ungemeine Konzentration - eine kleine Unaufmerksamkeit von mir und der ganze Absatz kann verloren sein.

Madame Duchene erklärt heute Morgen le choix intertemporel - mit und ohne der Sicherheit über die Zukunft. Das ist schon relativ anschaulich mit vielen Formeln und Modellen, die ich in ähnlicher Form schon mal gesehen habe. Madame Duchenes Tafelbild hilft ein bisschen, allerdings wird mir dabei auch die Bedeutung einer klar lesbaren Schrift deutlich. Diejenigen die die Sprache sicher beherrschen, können bei unlesbaren Zeichen leicht darauf schließen was es heißen soll - ich aber leider nicht. Meine Banknachbarn helfen mir da gelegentlich weiter.

Während der Vorlesung rätsele ich außerdem weiterhin ob das nun der Kurs ist, der mir weiterhelfen könnte. Außerdem stelle ich mit schrecken fest, dass es einen weiteren gleichnamigen Kurs am Nachmittag geben wird. Nochmal drei Stunden - das wäre aber langsam anstrengend!

In der Pause bin ich ziemlich fertig von dem ganzen Mithören und gehe zu Madame Duchene, um sie um Rat zu fragen. Doch da ist es wieder: Das unbestimmte Gefühl, dass mein Französisch manchmal nachlässt: Ich stelle eine Frage wie zum Beispiel: "Wissen Sie ob dieser Kurs für meinen deutschen Kurs anerkannt wird?" Madame Duchene beginnt zu sprechen. Madame Duchene hört auf zu sprechen. Nächste Frage. Während des "Gesprächs" kommt mir die klassische Konditionierung in den Kopf und ich frage mich insgeheim ob ich nur irgendwas auf französisch sagen müsste, damit Madame Duchene zu sprechen beginnt. Wenn sie mich dabei beschimpfen würde - würde ich es merken?

Der nächste Lehrer ist ein angenehmer Erzähler, der Kurs heißt genauso wie der erste, geht ebenfalls drei Stunden lang, scheint aber von etwas ganz anderem zu handeln. Keine Theorien werden hier verbreitet, der kräftige Mann im Business-Anzug und den weißen Haaren erzählt von Börsenplätzen, Derivaten-Handel und so weiter. Zuhören geht bei ihm recht leich und obwohl ich schon drei Stunden konzentriertes Französisch hinter mir habe geht das alles erstmal ganz gut. Bis er dann anfängt zu diktieren. Das üben wir dann beim nächsten Mal wieder...

Foto: Der kaputte Fußball - Denkmal in Creteil zur gerade verlorenen Fußball-WM.

Montag, September 25, 2006

Überschrift leider verloren...


Das Wochenende ist vorbei, Morgen habe ich meinen vermeintlich ersten Kurs an der Uni. Noch immer warte ich auf einen Gesprächstermin mit Monsieur Najman, aber meine Sekretärin hat sich noch nicht gemeldet. Sie waren ja mit meinem Verhandlungsangebot was die ECTS-schwere meiner Kurse angeht noch nicht zufrieden... Mal sehen was die Nachverhandlungen bringen werden.

Das restliche Wochenende war auch noch sehr nett - ich erinnere mich an hohe Stuckdecken und Clubgäste ganz in Weiß - außer uns, die wir deshalb keinen verminderten Eintritt bekommen haben. Wer Französisch kann ist eben klar im Vorteil. (Das war im Club Elysee Montmatre am Place Pigalle.) Des weiteren erinnere ich mich daran, für eine Modezeichnung Modell gestanden zu haben - wohl eher weniger wegen meiner Mode, aber weil die Hausaufgaben fertig werden sollten. Allerdings - morgens um 5 gelingt der Faltenwurf nicht allzu akkurat - das Bild muss nachbearbeitet werden. Wenn es dann abgenommen ist hoffe ich auf etwas Schmuck für mein noch sehr kahles Zimmer.

Hier noch ein paar Kleinigkeiten aus der Reihe "die kleinen Unterschiede oder: neue Vorurteile". In einem meiner letzten Beiträge hatte ich ja schon erwähnt, dass man bei Absprachen über die Uhrzeit immer noch im Hinterkopf ein Stündchen zugeben sollte - pünktlich ist hier die Eisenbahn, nicht aber der Franzose an sich.

Wenn man mit einem Franzosen eine Straße entlang geht, kann es einem passieren dass man ihn auf halber Strecke verliert. Franzosen sind nicht so schnelle Spaziergänger und sehr oft sehr wehleidig was ihre Füße angeht. Wenn man an einer Kasse im Supermarkt steht und vor sich einen Kunden hat der mit Karte zahlen möchte, sollte man sich ebenfalls etwas mehr Geduld antrainieren. Bis das Lesegerät die Karte akzeptiert hat geht einige Zeit ins Land. Die Kassiererin beginnt (ohne Witz) das Putzzeug auszuräumen und macht an ihrer Kasse erstmal klar Schiff. Die Kasse wird gewischt, das Preislesegerät und dann noch das Telefon. Dann ist die Kreditkarte endlich ausgelesen und es geht in aller Gemütlichkeit weiter.

So heute Abend geht es noch ins Kino - eine französische Komödie, die ich inzwischen hoffentlich einigermaßen verstehe. Bis dahin habe ich mir noch die "Liberation" und eine Zeitschrift mit dem Namen "Jeune Afrique" - junges Afrika geholt, an denen ich ein bisschen meinen Wortschatz erweitern werde.

Foto: Die Mosque de Paris ist eine Einrichtung mit Teehaus und Hammam. Leider ein bisschen teuerer als in original Marokko der Tee - aber auf jedenfall ein sehr netter Ort gleich neben Jardin des Plantes.

Donnerstag, September 21, 2006

Emploi du temps???

Die Erstellung meines Stundenplans macht noch immer einige Sorgen. Heute Morgen bin ich mit dem guten Vorsatz aufgestanden endlich Licht ins Dunkel zu bringen und hab mich zur Uni begeben.
Da konnte man mir aber leider nicht weiterhelfen, all diejenigen die sich angeblich auskennen sind leider nicht da... Aber - ich habe jetzt quasi eine eigene Sekretärin, die für mich versucht einen Termin mit Monsieur Najman zu machen und mich dann anruft... Es ist also nicht so, dass man mir nicht helfen wollte.
Das Problem ist, dass ich nach gründlicher Übersetzungsarbeit (meine Prüfungsordnung vom Deutschen ins Französische) immernoch nur einen einzigen Kurs gefunden habe, der scheinbar (also vom Namen her) an beiden Unis so ziemlich übereinstimmt. Dazu habe ich noch zwei drei Kurse gefunden, die mich interessieren auch wenn ich sie nicht anerkannt bekomme. Dazu kommen weitere 3 Sprachkurse.
Das klingt für mich schon ganz gut - reicht aber in Sachen "Europäisches Punkte-Kreditsystem" vorne und hinten nicht. Die Vorgabe ist 30 ECTS-Punkte pro Semester. Aber was nutzen mir 30 Punkte wenn ich nur 3 anerkannt bekomme?

Naechste Woche beginne ich erstmal diejenigen Kurse, die ich mir jetzt schonmal vorgenommen habe und nach meinem hoffentlich klärenden Gespräch mit Monsieur Najman sehen wir dann weiter.

Montag, September 18, 2006

Der Nebel lichtet sich langsam


Heute war das große Meeting mit Boris Najman - der italienisch, russisch, portugiesisch und englisch spricht - aber leider kein Deutsch. Naja damit war zwar allen außer mir und dem Tschechen geholfen aber es ging auch auf Französisch.
Der Nebel lichtet sich schwerfällig, ganz langsam nimmt das nächste Jahr Konturen an. Noch immer weiß ich nicht viel über meinen Stundenplan, ich habe aber langsam eine Idee wie ich dahinter kommen könnte.
Ich weiß, dass gerade mal wieder alles an der Carte d'Etudiant scheitert: Meine Anmeldung zum Sprachkurs, mein Internetanschluss zuhause, meine Bibliothekskarte und der Zugang zum Uni-Netzwerk. Aber die bürokratischen Mühlen mahlen langsam und die Carte d'Etudiant lässt noch etwa eine Woche auf sich warten.
Ich weiß außerdem, dass am Jeudi die emploi du temps abgenommen werden - das heißt bis dahin muss ich einen sinnvollen Vorschlag dessen unterbreiten, was ich mir unter einem lehrreichen Jahr in Paris vorstelle. Nichts ist für die Ewigkeit, sagt Boris Najman, man kann alles nachher noch tausendmal umstellen. Wir sollen darauf achten, dass unsere Institute in der Heimat die Kurse vielleicht auch anerkennen. Damit wären wir aber wieder bei Problem eins - denn ohne genaue Lehrpläne keine Anerkennung - ohne Internet (siehe Carte d'Etudiant) keine Lehrpläne.
Ich weiß als drittes welche Kurse der sympathische Monsieur Najman anbietet und dass wir in die auch reinkommen, wenn wir nur sagen, dass wir von ERASMUS sind. Das ist immerhin ein versprechen, das auch ohne Carte'Etudiant auskommt. Somit stehen meine Fächer "Francais économique" und Entwicklungspolitik schon mal fast fest.
Anschließend bin ich nochmal im UFR Urbanisme (sowas ähnliches wie Stadtgeographie) reingeschneit und hab dort ein bisschen mit einer der Sekretärinnen (oder Dozentinnen?) geschnackt. Hier ist alles noch ruhig, die Etudes beginnen erst im Oktober, na klar - ich darf auch hier Kurse besuchen.

In Frankreich ist die Bürokratie immer etwas flexibel ausgelegt, heute war ja das große Treffen für ERASMUS-Jünger aber leider auch schon der Erste Arbeitstag für BWL-Studenten. Mit einem verlegenen Lächeln werden die dann gebeten nach der Veranstaltung bitte gleich ihre Räume aufzusuchen - für Stundenplan vorerst keine Zeit.
Die meisten Studenten kommen mit diesen kleinen Problemen gut zurecht - vor allem diejenigen aus Süd- und Westeuropa. Deutsche akzeptieren die Situation vielleicht mit einem Kopfschütteln - Osteuropäer könnten sich darüber aufregen!
Der Tscheche flippt aus als die Sprache auf Monsieur Pons zu sprechen kommt. Der ist für die Unterbringung zuständig und macht nach Ansicht des Tschechen gar nichts. In Tschechien liefe das alles viel besser! Wenn man da eine Reservierung macht dann gilt die auch! Dass die Verhältnisse in Tschechien vielleicht ein bisschen beschaulicher sind, als in Paris, versucht Boris Najman dem aufgebrachten Neu-Europäer vergeblich klar zu machen.

Foto: Eine Tafel mit Reisezeiten durch die neue TGV-Route nach Deutschland. Wer genau hinsieht merkt, dass Saarbrücken (Sarrebruck) in Zukunft näher an Paris denn an Frankfurt liegt.