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Donnerstag, Juni 07, 2007

Der große Abschieds-Artikel


Semester-Abschiedsparty der englischen Universität. Die Party findet auf einem Schiff auf der Seine statt. Das Wort "englisch" steht in diesem Zusammenhang natürlich für ein sehr trinkfreudiges Völkchen, umso mehr, da auf dieser Party der Alkohol umsonst ist. Für den Eintritt soll man dagegen satte 35 Euro zahlen, für die meisten Kinder aus reichem Hause auf dieser kleinen aber exklusiven Uni ist das aber offensichtlich kein Problem. Ich selbst und auch mein Mitbewohner gehören nicht ganz in diese Kategorie und ziehen es vor, uns unbemerkt an Bord zu schleichen.

Für eine Pariser Party ist der Schwarzen-Anteil mit null hier ungewöhnlich gering. Aber englische Universitäten sind keine Bildungseinrichtung für die (bunte) Masse, sondern ein eher elitäres (weißes) System, dass natürlich auch mit einem vollkommen anderen Schlag von Studenten einhergeht. Hier studiert man konservativ, Werte-orientiert und mit einem ordentlichen Vermögen im Rücken (es sei denn man ist durch sehr gute Leistungen aufgefallen und genießt ein großzügiges Darlehen). Ein krasser Gegensatz zu den eher links orientierten Studenten in Deutschland, die in der Masse zwar oft ähnlich unsympathisch, dafür aber mit einem starken Sinn für Gerechtigkeit in aller Welt ausgestattet sind. Hier ist man vielmehr offen elitär.

Für die nicht gezahlten 35 Euro bekommen wir dann auch sehr viel "Englishness" geboten. Während der DJ im Rumpf der Barkasse bereits rotiert, stehen die jungen Mädels in ihren Ballkleidern und die jungen Herren mit Frack und Schlipps doch eher passiv da. Hier sieht wirklich jeder soo Englisch aus. Die Stimmung kommt erst langsam mit dem Alkohol.
Dann lösen sich die Herren langsam aus ihren distinguierten Konversationen mit Zigarre und diesem unwiderstehlichen, aber leicht gekünstelten Lachen (hust hust), das sie sich sicher von ihren Vätern, den Lords ihrer Majestät abgeschaut haben, und wagen sich an die ebenfalls scheuen, Rehkitz-gleichen (hust hust hust) Damen heran, die ihrerseits von verzücktem Gelächter erröten und ihre junge, erst neunzehnjährige, doch ach so weiße und sehr englisch-proportionierte Hand dem Herrn entgegenstrecken.

Das Ende des Abends versinkt dann im grauen Dunst.

Am Montag gab es Noten im Französisch-Kurs. Wir hatten eine Klausur mit vier Seiten zur Frage "Qu'est-ce qu'un acteur?" geschrieben und sollten nun, bevor wir die Noten bekämen, über unsere eigene Leistung im letzten Semester resümieren. Nachdem alle recht schüchtern erklärten, dass sie teilweise ganz zufrieden wären aber teilweise auch nicht genug geleistet hätten, war ich an der Reihe.

Ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass meine Klausur nicht sonderlich verlaufen war und beschloss daher, nochmal zu versuchen das Ruder herumzureißen. Also begann auch ich erstmal mit einem kurzen Abriss über meine guten Leistungen. Aber dann, anstatt meine Schwächen zu betonen, fing ich an den Professor und seine Kursleitung zu kritisieren. Ich erklärte, dass ich mit seinen Hauptargumenten unserer über das Semester geführten Diskussion überhaupt nicht einverstanden wäre. Ich beschuldigte ihn, uns lediglich beweisen zu wollen, dass früher alles besser gewesen wäre und das seine Beweisführung absolut unzulässig wäre, weil er da ja Äpfel und Birnen vergleiche. Nach dem ich so ein paar Minuten vor mich hin argumentiert hatte unterbrach mich der Lehrer, erklärte "ja an Sie erinnere ich mich recht gut" und gab mir einen Extrapunkt. Ich beendete den Kurs mit der besten vergebenen Note.

Das war mein Jahr in Paris. Es ist noch nicht ganz zuende, doch die letzten zwei Wochen werden undokumentiert bleiben - nur ein paar Kleinigkeiten vorweg vielleicht: Ich muss noch einmal an die Uni: Meine Abreisebestätigung und die grandiose Liste mit all meinen belegten Kursen im Sekretariat abholen. Dann werde ich auch noch ein letztes Mal nach Creteil fahren, der freundlichen arabischen Bäckerin auf Wiedersehen sagen und meine Konto-Angelegenheiten mit meiner verhassten Bank (BNP-Paribas, damit alle gewarnt sind. Schlimmer ist nur noch Credit Lyonais) regeln.

Noch einmal werden am nächsten Wochenende fast alle meine Freunde aus der Zeit in Paris hier versammelt sein (zum Beispiel die im Bild oben). Diejenigen, die bereits abgereist waren, haben sich noch einmal für ein Wochenende angekündigt. Dann kommen noch drei Tage ausziehen und aufräumen und schließlich geht es wieder in Richtung Osten, ins Land der aufgehenden Sonne...

Nein - ich vergehe nicht vor Abschiedsschmerz. Ein bisschen traurig ist es aber schon. Schon allein, weil in der Heimat erstmal wieder lernen angesagt sein wird - ich habe genau 40 Tage um mich auf die nächsten Klausuren vorzubereiten. Dann, im Sommer werd ich wieder hier sein, in Paris warten noch mein Mitbewohner und meine alte Wohnung auf mich.

Bis dann. Und Danke für die Aufmerksamkeit!

Samstag, Mai 26, 2007

Jobsuche auf französisch

Ich verabschiede mich innerlich so langsam von ERASMUS, während mein Mitbewohner auf der Jobsuche für den langen Sommer ist.
Offensichtlich verläuft die Suche nicht ganz so unkompliziert wie er das von seiner Heimat England gewohnt ist. Auf die ersten Bewerbungen gab es unerwartet viele Absagen, obwohl wir hier nicht gerade von einem Job-Novizen sprechen. Endlich trudelten dann in den letzten Tagen auch die ersten Zusagen ein. Doch was war das? "Wir würden Sie recht herzlich zu einem Gespräch einladen - Mit freundlichen Grüßen, das kubanische Staatsballett."

"Hups - wo hab ich mich denn da ausversehen mal wieder beworben?" Ballett-Tanzen liegt nämlich weit außerhalb dessen, was ich meinem Mitbewohner so zutrauen würde. Der Termin wird natürlich wahrgenommen, man weiß ja nie welche Karriere einem noch bevor stehen könnte.
Heute dann, kam wieder ein Anruf: "16 Uhr Vorstellungsgespräch - Einverstanden." Doch gleich nachdem der Hörer in die "Gabel" gefallen war (auch wenn wir hier von einem modernen Telefon von "Lobicom" sprechen), kam meinem Mitbewohner die Erkenntnis: Es ist ja schon 15.04 Uhr! Und ich brauche noch einen neuen Anzug!

Nun war Eile geboten. Eine Schnelldurchsuchung des Kleiderschranks ergab, dass für das Vorstellungsgespräch in der nahegelegenen Cocktailbar tatsächlich ein neuer Anzug - zumindest Hose, Hemd und vielleicht sogar Schuhe nötig waren. Um 15.15 Uhr verließen wir also das Haus auf dem Weg zu "Zara" um die Ecke. Ich habe noch nie in meinem Leben so schnell Klamotten eingekauft. Eine Hose in der richtigen Größe war nach dem zweiten Fehlversuch relativ schnell gefunden, das Hemd wurde auf dem Spurt zur Kasse eingesackt. Problem Schuhe: Entweder noch schnell welche finden oder Super-Kleber um die Ecke kaufen. Ein kurzer Blick auf die Uhr erklärt nüchtern: Weder noch.

Nagut, zuhause stellen wir fest, dass die Schuhe das noch einmal mitmachen. Problem aber: Das Hemd ist natürlich viel zu groß. Noch 11 Minuten bis zum Vorstellungsgespräch. Während ich noch schnell ein anderes Hemd bügele, steht mein Mitbewohner mit der Haarwichse vor dem Spiegel. Und tatsächlich: Um fünf Minuten vor Torschluss ist er mit neuer Hose, unvorhergesehenem Hemd, ohne Krawatte und mit den alten Schuhen auf dem Weg zum Bewerbungsgespräch. Na dann viel Erfolg!

Foto: Dunkle Wolken über dem Tour Montparnasse. Minuten später versinkt Paris in einem gigantischen Gewitter.

Samstag, Mai 19, 2007

Die anderen Seiten von Paris

Am verlängerten Wochenende ist mal wieder Besuch in der Stadt. Der Anspruch diesmal: Nicht die ausgetretenen Touristenpfade sondern die geheimen, alternativen Orte der Stadt möchte man entdecken. Eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe in Paris. Denn mit vielen dutzend Millionen Besuchern jedes Jahr ist Paris die populärste Touristendestination in der ganzen Welt - sprich: es bleiben nicht viele Pfade, die touristisch unerschlossen sind.

Auch wenn viele Paris-Fans das Marais als "Insider-Tipp" verkaufen wollen, quillt es jetzt im Sommer und am Wochenende von Besuchern nur so über. Die sind zwar nicht ganz so "touristy" wie unter dem Eiffelturm - aber wirklich beschaulich und alternativ kann man das Judenviertel, das Schwulenviertel und die vielen historischen Hotels Particuliers nicht mehr nennen.

Ein paar Ecken gibt es aber doch und wenn man ein bisschen geduldig ist, erschließen sich einem mitunter noch ein paar Überraschungen.
Nicht wirklich ein Geheimtipp, aber wenigstens nicht in jedem Reiseführer zu finden ist beispielsweise das "Bretonen-Viertel" in der Rue Montparnasse, direkt bei uns um die Ecke. Es handelt sich hierbei um eine Ansammlung teilweise sehr gemütlicher Creperien, die noch vor allem von einheimischen Parisern frequentiert werden.

Alternativer wird es dann zum Beispiel auch im 13. Arrondissement. Nahe beim Place Italie findet sich nicht nur das China-Viertel, in dem Florian neben günstigen und guten Asiaten wohnt. Südwestlich des Platzes wirkt Paris bald viel kleinstädtischer. In kleinen gepflasterten Straßen und Plätzen finden sich hier durchaus nette Lokale, Bars und Restaurants. Gestern beispielsweise fanden wir da in der Rue Samson einen guten greko-Franzosen mit Menus unter der Woche ab sehr günstigen 11 Euro. Dank einer gewisse Zuneigung zwischen einer unserer Freundinnen und dem Kellner war der Alkohol sogar teilweise geschenkt.

Anschließend ging es in den Nordosten von Paris. Jenseits von Bastille und dem Platz der Republik mit ihren vollen Bars und Clubs (das "Bataclan" liegt da in der Nähe der Metro Oberkampf und rund um Bastille kennt man Rue de Lapp und Rue de la Roquette mit vielen Bars und ein paar Clubs) gibt es durchaus noch so etwas wie eine "alternative Szene". In der Rue St Maur fanden wir schließlich zwischen alten Autowracks und Grafitti-besprühten Hausfronten einen Laden, der erstens voll und zweitens sehr heiß war. Die Musik wurde von einem schwedischen DJ beigesteuert, dessen Freundin sich in unserer Begleitung befand. Und auch nur durch diesen Kanal war uns dieser Fund gegönnt. Die Atmosphäre in dem Laden erinnerte stark an "Wohnheim-Bar"-Stimmung in "good old" Mainz, etwas, das man in Paris nicht allzuhäufig finden dürfte. Unter dem illustren Publikum unterhielten wir uns zum Beispiel mit zwei barocken jungen Modestudentinnen, die von dem Abend auch schon sehr "profitiert" hatten ("avoir bien profité").

Um zwei Uhr kam dann Marie ("Merci-Marie" war überall an den Klowänden zu lesen und brachte uns zur Schlussfolgerung, dass es sich um die Wirtin handeln müsse) und bat uns langsam ans heimgehen zu denken, da die netten Nachbarn doch auch ihren Schlaf bräuchten. Wir beschlossen den Abend im Nachbarschafts-freien Bastille-Viertel und werden den heutigen Samstag-Abend wahrscheinlich vollkommen un-alternativ im Le Queen auf den ordinär-luxuriösen Champs Elysées verbringen.

Foto: Die "Passage Brady" in der Rue du Faubourg Saint-Denis. Das Viertel hier südlich des Ostbahnhofs ist auch ein touristisch eher unerschlossenes Gebiet, dass mit seinen vielen Indern, Türken, Asiaten und sonstigen Landsmännern durchaus sehr interessant ist: Günstiges Essen und viel Leben auf der Straße zu jeder Uhrzeit.

Mittwoch, Mai 09, 2007

Jean Reno wartet auf Mitfahrgelegenheit

Auf dem Boulevard Raspail ist mir letztens Jean Reno begegnet. Ich war gerade auf dem Weg nach Hause von einem kleinen Ausflug ins Kino. Vor einem Büro-Gebäude auf jenem Boulevard stand er da ganz alleine und wartete offensichtlich auf eine Mitfahrgelegenheit. Als ich an ihm vorbei lief schauten wir uns - da sonst niemand da war - für einen Augenblick an. Eigentlich wäre es natürlich an mir gewesen ihn zu grüßen - aber nein - Höflichkeitsformel gerade mal wieder verschlafen und dann wars auch schon zu spät.
Er wird's nicht so schwer genommen haben. Dürfte ihm in letzter Zeit auch öfters passieren, immerhin war der neue französische Präsident Sarkozy letztens gerade sein Trauzeuge und auch sonst gibt er sich politisch derzeit ganz als Rechts-Konservativer. Er wird also schon ein paar Fans vergrault haben... Aber meine Güte! Dieser Mann hat in "Leon der Profi" mitgespielt! Alles was sich an seinem Äußeren seither geändert hat, ist offenbar seine Brille.

Jean Reno habe ich im siebten Arrondissement von Paris getroffen, einem ziemlich schicken Viertel mit Botschaften, Regierungsgebäuden wie dem Hotel Matignon und natürlich: Bon Marché, dem vielleicht edelsten Pariser Kaufhaus. Im einzigen kleinen Kino des Viertels, einem alten japanischen Tanzpalast "La Pagode" in der Rue Babylon hatte ich mich gerade zu einem französischen Filmnachmittag mit meiner Hochschulgruppe getroffen.
Anschließend beschloss ich das schöne Wetter für eine kleine Fotosafari durch die Gegend zu nutzen.

Bon Marché ist das Kaufhaus der reichen Damen von Paris. Mineralwasser für 35 Euro die Flasche (Marke: "Bling") gibts hier zu kaufen und natürlich alles was die modebewusste Pelz- und Hut-bekleidete Ministergattin wünscht. Ein Freund und Schuhverkäufer in selbigem Kaufhaus berichtete vor wenigen Wochen, dass auch Lionel Jospin, der "anders-erfolgreiche" Sozialist gelegentlich vorbeischaut - ganz ohne Bodyguards - bei Bon Marché ist man unter sich.

Direkt neben dem siebten Arrondissement liegt das sechste. Da wohne ich und da ist es schon ein klein bisschen weniger Chique. Derzeit haben wir ein Jazz-Festival im Viertel. Das knüpft an die Jazz- und Intelektuellen-Vergangenheit des sechsten, rund um den Boulevard St Germain an. Dieser Boulevard ist inzwischen alles andere als intellektuell und ebenfalls eher für gut betuchte Pariser Shopper ein Revier. Edmund White schreibt in seinem Buch über Paris zum Beispiel, es wäre ein bisschen so, "als hätte sich ein Beatnik-Balg im Erwachsenenalter zu einer eleganten und reichlich geistlosen Matrone entwickelt".

Weniger elegant ist, was passiert, als ich mich an die nächste Bushaltestelle setze und warte bis der Bus nach Hause kommt: Neben mir schläft ein Clochard den Schlaf der Gerechten, sein Alkoholvorat steht direkt daneben.
Ich schaue über die Straße, als ein kleiner, krummer Zwerg auf mich zugehumpelt kommt. Während um ihn herum der Verkehr braust hat dieser Zwerg ganz offensichtlich meine Bushaltestelle mit starrem Blick fixiert. Ganz langsam kommt er voran, steht schließlich direkt vor mir und dreht sich dann ohne ein Wort zu dem anderen Penner hin. Bückt sich, nimmt den Alkoholvorat des anderen an sich und humpelt wieder davon. Ich bin perplex. Da bestehlen sich die Penner gegenseitig ohne das leiseste Schamgefühl - offensichtlich vollkommen unbeeindruckt davon, dass ich daneben sitze und alles mit ansehe. Nun gut - ich muss zugeben, ich hab dann auch nix gesagt. Ich hab lieber mal ein Foto davon geschossen. Verkommene Menschheit!

Foto: Café Bourbon, direkt gegenüber der Assemblée Nationale im siebten Arrondissement. Schick und teuer und schlechter Service.

>> zum Fotoalbum mit: Sonnenbaden gegenüber dem siebten, Jazz und Penner im sechsten, teures im Bon Marché sowie das Kino "La Pagode" in einem alten japanischen Tanzpalast.

Freitag, April 27, 2007

Schwein in Paris

Morgens früh aus den Federn, auf der Suche nach dem nächsten Wochenmarkt ist mir jenes erste Foto dieser Reihe gelungen, wobei ich mir selbst auf die Schulter klopfte und dachte: "Das ist aber ein tolles Foto - in Paris werden früh morgens also noch Schweine auf Karren von Schlachter zu Metzger verbracht". Obwohl ich eigentlich keine Ahnung über die logistische Organisation zwischen Pariser Schlacht- und Metzgereibetrieben besitze kam mir diese Praxis irgendwie anachronistisch und doch mal wieder "typisch französisch" vor. Noch besser für das Foto!
Doch halt! Wieso sieht die Szene eigentlich so gespielt aus? Muss das ganze Schlachter-Team mit, wenn Schweine verlegt werden? Und was machen die anderen Fotografen da hinten eigentlich? Der ewige Zweifel stieg auf und nachdem ich mir zunehmend die Frage nach der Schweinehygiene stellte - insbesondere in Zusammenhang mit dem Hund der nun auftauchte und das arme Vieh zu gern aufgefressen hätte - beschloss ich mit der Kamera auf Bereitschaft zu bleiben. Die folgende Fotoserie zeugt davon, dass ich es kaum besser hätte treffen können: Nicht nur, dass das Schwein echt ist - es ist auch beliebt: Die Schlachter-Equipe lässt es duschen und an diesem schönen Pariser Freitag-Morgen an einem kleinen Gläschen teilhaben. Da wird man glatt (auch) zum Vegetarier. (Auf die Fotos klicken, um sie zu vergrößern.)

Mittwoch, März 28, 2007

La France des Associations


"Jeder richtige Franzose gehört einer Association an" erklärte mein Professor in der Uni am Dienstag und machte die Runde, um festzustellen, wer alles ein guter Franzose sei. Und siehe da - neben allem sprachlichem Fortschritt: Um Franzose zu werden muss ich noch einer "Association" - also quasi einem Verein beitreten.
Am nächsten Abend bin ich da schon viel weiter: Im "Sous Bock" trifft sich meine erste "Association". Das war jetzt aber tatsächlich Zufall - schon länger hatte mir ein Freund aus Paris vorgeschlagen "doch mal vorbei zu kommen". Die Gruppe, die sich im "Bierdeckel" (genau das heißt Sous Bock) trifft, gehört der "Afasp" (Association franco-allemande pour les stagiaires professionnels) an und ist platt gesagt ein Stammtisch. Im Sous-Bock trifft sich aber der "Jugendkader" und somit ist die Sache doch schon viel interessanter. Ich lerne eine Menge Leute kennen, Deutsche die in Frankreich wohnen, Franzosen, die deutsch lernen wollen. Und zum Beispiel Renan, der gerade sein Deutsch auffrischt, weil seine Freundin aus Deutschland kommt. Wir sprechen aber hauptsächlich französisch - an seinem ersten Abend hier geht das noch schneller.
Renan ist etwa so alt wie ich und "Schauspieler und Musiker". Ich kann mir zunächst nicht recht erklären wie er so Geld verdient, aber neben Engagements für Werbung und Serien von TF1, so stellt sich heraus, steht er tatsächlich bei Sony unter Vertrag. "Wir sind ein bisschen wie die französischen Beatles" erklärt er und fügt hinzu "nächstes Jahr sollen wir groß rauskommen". Im Internet ist seine Gruppe ">Folkom" tatsächlich schon recht professionell aufgestellt (siehe auch auf dieser Seite unter >Videos). Er erklärt mich zu seinem Deutsch-Lehrer. Toll! Jetzt werd ich vielleicht auch bald berühmt.
Später unterhalte ich mich noch ein bisschen mit zwei Bilingualen. Beide haben die doppelte Staatsbürgerschaft und deutsche Eltern, aber noch wenig Zeit in ihrer zweiten Heimat, Deutschland, zugebracht. Ich erkläre, dass ich sie um ihre Bilingualität beneide - alles muss einem so leicht fallen.
Doch scheinbar ist dem nicht immer so. Übereinstimmend erklären beide, dass man auch Nachteile hinnehmen muss. So ist man in beiden Ländern der "Exot" und Aussenseiter. Und dass man beide Sprachen wirklich perfekt beherrscht ist fast nicht möglich - es ist immer phasenweise die eine oder andere Sprache, in der man fitter ist, erklärt mir eine der beiden. Ihr Nachbar bedauert, dass seine deutsche Grammatik beim schnell sprechen doch sehr hakt. Dass einem alles leichter fällt stimmt auch nicht. Er ist in der Schule sitzen geblieben.

Foto: Europa wird 50, Erasmus wird 20. Zu diesem Anlass wimmelt es nur so von Festakten. Über meinen Mitbewohner habe ich mich auf die Gästeliste der deutschen Botschaft setzen lassen, die Festreden und ein kaltes Buffet verspricht. Nachdem wir die Einladung um ein Haar vergessen hätten, zeigt sich der Empfang als ziemlicher Reinfall - aber immerhin verbilligen kostenloses Bier und Wein den weiteren Wochenendverlauf. Das Bild ist im Botschaftsgarten aufgenommen.

Dienstag, März 20, 2007

Neulich in der Metro

Von Zeit zu Zeit trifft man ein paar seltsame Gestalten in der Metro. Bei ganz besonders seltsamen Gestalten mache ich mir nachher manchmal ein paar Notizen. Im Folgenden handelt es sich um ein nettes, aber etwas trauriges Beispiel:

An der Station „Creteil l’Echat“ steigt eine Frau in die Metro.

Zuerst setzt sie nur ein Bein in die Metro und raucht, halb im Freien stehend, ihre Zigarette zu Ende. Dann – einen Augenblick bevor die Türen schließen, lässt sie die Kippe fallen und steigt ganz ein.
Sie setzt sich in die Sechser-Bank im hinteren Abteil des Wagens. Sie holt ein Notizbuch hervor und beginnt einige Sätze zu schreiben. Ich sitze ihr gegenüber und betrachte das Notizbuch – es sieht genauso aus wie meines. Sie fragt mich nach dem Datum.
In das Notizbuch sind einige Zettel geklemmt. Die Frau spielt mit einigen Mc Donalds Gutscheinen herum, klappt sie auf und zu und fragt mich schließlich ob ich welche davon haben möchte.

Nein? Dann fragt sie, ob ich Ausländer sei, ein Gespräch beginnt. Woher ich komme, was ich mache.

Ja, Geographie interessiert sie auch, bei Ökonomie dagegen könnte sie kotzen. Ja wirklich, an dem Tag, an dem sie herausfand wie die Wirtschaft funktioniert – sie hat darüber nachgelesen – hätte sie einfach nur kotzen können.

Sie interessiert sich für vieles. Sie kommt aus Yugoslawien. Heute gibt es das Land nicht mehr. Da sie selbst teils kroatische, serbische, bosnische und montenegrinische Wurzeln hat, kommt sie jetzt aus vier Ländern – genauso gut wie aus keinem. Da könnte sie auch kotzen. Wie man mit Religion als Vorwand so einen Krieg veranstalten kann. Naja, in Wirklichkeit ging es da ja auch um die Wirtschaft. Schlimmer noch, um die Wirtschaft von nur ganz wenigen Leuten.

Sie mag den Winter hier nicht. Wenn es kalt ist geht es ihr schlecht. Sie rückt ihren alten Pelzmantel zurecht.

Die Astronomie interessiert sie auch. Sie hat erfahren, dass es einen kleinen Stern gibt, der so heißt wie sie: Tana. Sie kann sich nicht genau erinnern, in welcher Galaxis der Stern liegt. Aber sie würde sich wünschen, irgendwann mal da hin zu fliegen. Sie weiß natürlich, dass das nicht geht.
Ob man weiß, was auf dem Stern vor sich geht? Es ist nur ein kleiner Stern – da ist nichts los. Nur ein kleiner Stern, wie sie selbst – kein großer Star.

Aber eigentlich ist die Frau Musikerin. Musik mag sie wirklich gern. Da gibt es etwas, das sie jetzt zuende bringen will – ihr Album. Ein eigenes Musikalbum. Danach will sie schon auch wieder was richtig Vernünftiges arbeiten – Wirtschaft und so. Aber vorher das Album.

Sie hat einmal für einen berühmten Jazzmusiker gearbeitet. Die Musik hat sie nicht wirklich gemocht, aber da hat sie angefangen an einem eigenen Album zu basteln. Ihrs hat eher einen funkigen Stil. Das Album wird „Stoppt den Krieg“ heißen. Der Titelsong: „Ich liebe euch alle“.

Foto: Metrostation Strasbourg-St. Denis