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Donnerstag, Juni 07, 2007

Der große Abschieds-Artikel


Semester-Abschiedsparty der englischen Universität. Die Party findet auf einem Schiff auf der Seine statt. Das Wort "englisch" steht in diesem Zusammenhang natürlich für ein sehr trinkfreudiges Völkchen, umso mehr, da auf dieser Party der Alkohol umsonst ist. Für den Eintritt soll man dagegen satte 35 Euro zahlen, für die meisten Kinder aus reichem Hause auf dieser kleinen aber exklusiven Uni ist das aber offensichtlich kein Problem. Ich selbst und auch mein Mitbewohner gehören nicht ganz in diese Kategorie und ziehen es vor, uns unbemerkt an Bord zu schleichen.

Für eine Pariser Party ist der Schwarzen-Anteil mit null hier ungewöhnlich gering. Aber englische Universitäten sind keine Bildungseinrichtung für die (bunte) Masse, sondern ein eher elitäres (weißes) System, dass natürlich auch mit einem vollkommen anderen Schlag von Studenten einhergeht. Hier studiert man konservativ, Werte-orientiert und mit einem ordentlichen Vermögen im Rücken (es sei denn man ist durch sehr gute Leistungen aufgefallen und genießt ein großzügiges Darlehen). Ein krasser Gegensatz zu den eher links orientierten Studenten in Deutschland, die in der Masse zwar oft ähnlich unsympathisch, dafür aber mit einem starken Sinn für Gerechtigkeit in aller Welt ausgestattet sind. Hier ist man vielmehr offen elitär.

Für die nicht gezahlten 35 Euro bekommen wir dann auch sehr viel "Englishness" geboten. Während der DJ im Rumpf der Barkasse bereits rotiert, stehen die jungen Mädels in ihren Ballkleidern und die jungen Herren mit Frack und Schlipps doch eher passiv da. Hier sieht wirklich jeder soo Englisch aus. Die Stimmung kommt erst langsam mit dem Alkohol.
Dann lösen sich die Herren langsam aus ihren distinguierten Konversationen mit Zigarre und diesem unwiderstehlichen, aber leicht gekünstelten Lachen (hust hust), das sie sich sicher von ihren Vätern, den Lords ihrer Majestät abgeschaut haben, und wagen sich an die ebenfalls scheuen, Rehkitz-gleichen (hust hust hust) Damen heran, die ihrerseits von verzücktem Gelächter erröten und ihre junge, erst neunzehnjährige, doch ach so weiße und sehr englisch-proportionierte Hand dem Herrn entgegenstrecken.

Das Ende des Abends versinkt dann im grauen Dunst.

Am Montag gab es Noten im Französisch-Kurs. Wir hatten eine Klausur mit vier Seiten zur Frage "Qu'est-ce qu'un acteur?" geschrieben und sollten nun, bevor wir die Noten bekämen, über unsere eigene Leistung im letzten Semester resümieren. Nachdem alle recht schüchtern erklärten, dass sie teilweise ganz zufrieden wären aber teilweise auch nicht genug geleistet hätten, war ich an der Reihe.

Ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass meine Klausur nicht sonderlich verlaufen war und beschloss daher, nochmal zu versuchen das Ruder herumzureißen. Also begann auch ich erstmal mit einem kurzen Abriss über meine guten Leistungen. Aber dann, anstatt meine Schwächen zu betonen, fing ich an den Professor und seine Kursleitung zu kritisieren. Ich erklärte, dass ich mit seinen Hauptargumenten unserer über das Semester geführten Diskussion überhaupt nicht einverstanden wäre. Ich beschuldigte ihn, uns lediglich beweisen zu wollen, dass früher alles besser gewesen wäre und das seine Beweisführung absolut unzulässig wäre, weil er da ja Äpfel und Birnen vergleiche. Nach dem ich so ein paar Minuten vor mich hin argumentiert hatte unterbrach mich der Lehrer, erklärte "ja an Sie erinnere ich mich recht gut" und gab mir einen Extrapunkt. Ich beendete den Kurs mit der besten vergebenen Note.

Das war mein Jahr in Paris. Es ist noch nicht ganz zuende, doch die letzten zwei Wochen werden undokumentiert bleiben - nur ein paar Kleinigkeiten vorweg vielleicht: Ich muss noch einmal an die Uni: Meine Abreisebestätigung und die grandiose Liste mit all meinen belegten Kursen im Sekretariat abholen. Dann werde ich auch noch ein letztes Mal nach Creteil fahren, der freundlichen arabischen Bäckerin auf Wiedersehen sagen und meine Konto-Angelegenheiten mit meiner verhassten Bank (BNP-Paribas, damit alle gewarnt sind. Schlimmer ist nur noch Credit Lyonais) regeln.

Noch einmal werden am nächsten Wochenende fast alle meine Freunde aus der Zeit in Paris hier versammelt sein (zum Beispiel die im Bild oben). Diejenigen, die bereits abgereist waren, haben sich noch einmal für ein Wochenende angekündigt. Dann kommen noch drei Tage ausziehen und aufräumen und schließlich geht es wieder in Richtung Osten, ins Land der aufgehenden Sonne...

Nein - ich vergehe nicht vor Abschiedsschmerz. Ein bisschen traurig ist es aber schon. Schon allein, weil in der Heimat erstmal wieder lernen angesagt sein wird - ich habe genau 40 Tage um mich auf die nächsten Klausuren vorzubereiten. Dann, im Sommer werd ich wieder hier sein, in Paris warten noch mein Mitbewohner und meine alte Wohnung auf mich.

Bis dann. Und Danke für die Aufmerksamkeit!

Dienstag, Mai 29, 2007

Erasmus am Ende

Gestern hatte ich meine letzte Klausur. Jetzt folgen nur noch ein paar Essays, einzureichen in einer Woche und ab dann bin ich eigentlich nur noch zum Spaß in Paris.
Viele andere Erasmus-Studenten sind schon nach Hause gefahren, mit einer von ihnen, Aline, habe ich mich letztens zu einem Abschieds-Café an der Metro Jussieu verabredet. Bei arabischem Tee und Gebäck und später einem Spaziergang durch den botanischen Garten (mit Känguruhs!) haben wir das letzte Jahr nochmal Revue passieren lassen. Hat es sich eigentlich gelohnt?

Natürlich muss man zugeben, dass ein ERASMUS-Jahr "anders-effizient" ist. Man schafft nicht so viele Kurse wie zuhause, das liegt schon ganz natürlich an den sprachlichen Problemen, zumindest zu Anfang. Hinzu kommt, dass nicht die gleichen Kurse wie zuhause angeboten werden und es somit schwierig ist einfach "synchron" weiter zu studieren. Im Endeffekt habe ich mir in Frankreich Kurse ausgesucht, die ganz anders hießen, als die nächsten, die bei mir in Deutschland auf dem Plan gestanden hätten. Bei mir kommt aber auch der Spezialfall hinzu, dass ich noch nicht mal ganz mit dem Grundstudium fertig war, als mich Paris "gerufen" hat.

Insofern war es ein Abenteuer. Das französische System macht es an meiner Uni unmöglich, schon im vorab verbindlich festzulegen, welche Kurse des Auslandsjahres später anerkannt werden. Ein genauer Plan über Kursinhalte und Literatur fehlt im Internet - genau das fordern aber deutsche Dozenten um Garantien abgeben zu können. Und wenn man dann im Ausland ist, muss man es mit manchmal abenteuerlichen Kombinationen aus mehreren Fächern versuchen, um daheim vielleicht eine Anerkennung zu bekommen. Ich habe daher eine andere Strategie gewählt.

Ich habe (nachdem alles andere unheimlich mühsam und wenig erfolgversprechend erschien) einfach das Interessanteste dessen gewählt, was angeboten wurde. Ich habe Kurse genommen, von denen ich zunächst nicht wusste, ob sie in Mainz überhaupt angeboten werden und mich probeweise schon in eine recht präzis-definierte Richtung der Volkswirtschaft bewegt. Ich habe quasi vor dem Ende meines Grundstudiums die Chance wahrgenommen, schonmal mitten ins Hauptstudium zu schauen und mich in eine Richtung zu spezialisieren. Das gibt mir Motivation für das weitere Studium daheim. Von daher hat es sich also gelohnt.

Durch mein "Memoir" - eine Art Semesterarbeit, hatte ich erstmals in meinem Studium das Gefühl, auf einem sehr eng begrenzten Gebiet zum "Experten" zu werden und mich gründlich auszukennen. Das war hier möglich, weil man sich in Frankreich erstens früher spezialisiert und zweitens, weil man als Erasmus-Student natürlich jede Freiheit bei der Kurswahl genießt.

Aline ist einverstanden - es hat sich alles in allem gelohnt, auch wenn man sicherlich zumindest ein bisschen Zeit im Studium verplempert hat. Jetzt fährt sie erstmal Heim, ins Aoste-Tal am Fuße des Mont Blanc um über den Sommer auf dem Hof der Eltern zu arbeiten. Das ist ein attraktives Vorhaben. Ich fahre heim, um in Deutschland den Rest des Sommersemesters mitzumachen und endlich doch mein Grundstudium abzuschließen. Das ist auch...."anders-attraktiv".

Foto: Nostalgie: Ehemalige Austausch-Studentinnen aus aller Herren Länder erinnern sich.

Montag, Mai 14, 2007

Formvollendet Vorgeführt

Am Freitag hatte ich meine Klausur in "Politique du Développement" und dachte anschließend eigentlich, für eine kleine Weile nun meine Ruhe zu haben. Die Klausur war gut verlaufen. Nur der Professor war etwas verärgert, weil ihm offensichtlich jemand Aufgabenblätter entwedet hatte, die später auf der Toilette wieder auftauchten. Wir bekamen also eine neue Aufgabe und hatten dann zwei Stunden Zeit, eine Fragestellung und schlüssige Argumentation (inkl. aus dem Kopf zitieren) aufzusetzen.
Anschließend fuhr ich nach Hause, legte mich aufs Sofa und - bekam eine Nachricht aufs Handy:
"La soutenance de votre memoir sera lieu le lundi à 12 heures." hatte mir da eine Dame aus dem Instituts-Sekretariat auf den "Repondeur" gesprochen. Meine was? Meine Verteidigung?

Ach ja mein Memoir. Ich dachte eigentlich die 27 Seiten hätte ich hinter mir. Doch nein: Eine kurze Anfrage bei meinem Professor ergab bald, dass es um eine kurze Präsentation meines Memoirs und eine anschließende Diskussion gehe. Eine weitere kurze Mail verriet mir, ja, auch ein Projektor sei vorhanden, einer Powerpoint-Präsentation stehe nichts im Wege.

Somit war meine Wochenendplanung weitgehend festgelegt und ohne wirklich zu wissen, was mich erwartet bereitete ich mich auf eine Präsentation meiner Arbeit vor. Wird der Vortrag öffentlich sein? Darf jeder mitdiskutieren? Was muss ich anziehen? Ich beschloss mir selbst nicht allzuviele Fragen zu stellen und fuhr dafür am Montag Morgen einfach etwas früher an die Uni. Ich wollte sehen, wie sich die anderen Studenten schlagen würden.

Vor dem "Salle Keynes" saßen bereits zwei Studentinnen, eine davon erkannte mich auch sofort und wir verglichen unsere Präsentationen. Soweit ich mich umsah war ich der einzige mit fertiger Powerpoint-Präsentation und auch der einzige mit ordentlichem Hemd. So schlimm würde es also nicht werden.

Andere Studenten kamen hinzu, gelegentlich trat der Professor aus dem Tagungszimmer und rief den nächsten Kandidaten auf. Eine der wartenden Studentinnen war offensichtlich sehr nervös. Sie hatte "Rescue-Spray" ("alles pflanzlich") dabei, um ihrer Nervösität Herr zu werden. Ihr Zustand verschlechterte sich, als sie 10 Minuten vor ihrem Auftritt feststellte, dass ihr Spray alle war.

Einen gewissen Grund für Nervosität konnte auch ich ausmachen: Vor mir waren 3 Studentinnen an der Reihe - alle drei fielen durch, mussten ihre Arbeit in einem Monat in neuer Fassung noch einmal einreichen.
Schließlich war ich an der Reihe. Ich nahm mir beim eintreten fest vor, die Spannung der Situation sofort ein bisschen aufzulösen: "Wie wars in Vietnam, Herr Professor?"

Die Taktik funktionierte recht gut. Ein kurzer Plausch über beeindruckende Erfahrungen in Asien und anschließend ging es ein bisschen zu wie beim Videoabend zuhause. Ich startete die Präsentation während wir beide zurückgelehnt auf unseren Stühlen saßen und der Professor gelegentlich Zwischenfragen stellte.

Die ganze Präsentation lief gut, in der geplanten Zeit, und nur aufgrund von etwas komplizierteren Zwischenfragen verfiel ich zwei oder dreimal kurz ins Englische - für den Professor auch kein Problem. Schließlich diskutierten wir noch ein paar Minuten über einige Punkte und der Professor erklärte mir was er noch gerne hinzugefügt hätte.
Alles in allem zeigte er sich aber durchaus sehr zufrieden, vor allem die Form und Präsentation hatten ihm gefallen. Er speicherte sich meine Präsentation ab um später seinen Studenten zu zeigen, wie es richtig geht.

Als wir fertig waren war ich auch hochzufrieden und fühlte mich sehr erleichtert. Bis genau zu dem Zeitpunkt, an dem Professor Najman interessiert nachfragte: "und haben sie auch sonst viel geschafft, im letzten Semester?" Einem durchschnittlichen Erasmus-Studenten muss an dieser Stelle ein bisschen heiß werden.

Foto: Auch sehr heiß: Die letzten Nächte in Paris. Inzwischen ist der Ärger der Linken aber ziemlich verglüht, genau wie dieser Kleinlaster, den Florian und ich am Marais gefunden haben.

Donnerstag, Mai 03, 2007

Von letzten Gefechten und Weltraumpsychologen


Mein Memoir ist fertig! Die letzten Tage waren bestimmt von Übersetzungs- und Korrekturorgien, die Angst nicht fertig zu werden hat sich aber nicht bewahrheitet. Am Tag der Abgabe war im Computerlabor der Uni aber noch einiges los: Da wurden noch schnell Schlusssätze formuliert und Inhaltverzeichnisse angelegt - der Franzose an sich ist, wie ich, nicht so gut im Vorarbeiten.
Und so war ich in den letzten Tagen ein bisschen von meiner Umwelt abgeschnitten, als mich inmitten der ganzen Arbeit eine SMS erreichte: "Hört ihr uns bei euch zuhause? Es ist verdammt laut hier im Stadion!"
Das Stadion von dem da die Rede war, ist tatsächlich nicht weit von uns entfernt und drinnen stand vor vielen Fans: Ségolène, die schöne Sozialistin. Das Rennen ist quasi zuende. Am Sonntag ist die Wahl und es wird wohl langweiliger ausgehen als es möglich wäre. Obwohl: Ich wüsste nicht wen ich wählen sollte. Beide Kandidaten sind mir zu arg - zu arg rechts oder zu arg links. 35-Stunden-Wochen für Kleinbetriebe? Mehr Polizei und härtere Strafen gegen kleinkriminelle Banlieusards? Ich weiß nicht recht, die Entscheidung zwischen Pest oder Cholera will mir nicht leicht fallen.
Und so ist auch in meinem Umfeld die Meinung gespalten. Aurelie zum Beispiel will alles außer Ségolène - die ist ihr zu blöd. Daryl bedauert sehr, dass er als Amerikaner Ségo nicht wählen darf und ist Verfasser der obenstehenden SMS.
Das letzte Gefecht zwischen beiden Kandidaten, das direkt-übertragene TV-Duell habe ich übrigens nicht gesehen. Zu dem Zeitpunkt war ich gerade in eine Unterhaltung mit einem Weltraumpsychologen vertieft.
Lustig, was für Menschen man doch so trifft, in der "Association Franco-Allemande" von der ich letztens schon berichtete. Während wir übrigens genau gegenüber der französischen Weltraumbehörde im "Sous Boc" saßen, erzählte mir Alex von seiner schwierigen Mission: Weltraumpsychologen untersuchen die Auswirkungen von Zusammenleben auf engem Raum in gefährlichen Umgebungen über lange Zeit. Die Arbeit zielt also schon ziemlich direkt auf eine eventuelle bemannte Marsmission in ungefähr 30 Jahren ab. Und da ist noch einiges an Basis-Forschung zu betreiben. Zum Beispiel können sich gegenseitig nervende Astronauten nicht mal kurz vor die Tür treten um eine zu rauchen. Sie können die Erde von ihrem kleinen Raumschiff aus ja für lange Zeit nicht einmal sehen!
Die interessante Unterhaltung hat mich persönlich auf den Gedanken gebracht, dass ERASMUS-Studenten in Paris ein ziemlich gutes Versuchsfeld für Weltraumpsychologie abgeben: Sie leben etwa ein Jahr auf engem Raum in kleinen WGs zusammen. Auch ich bin sieben Stockwerke vom Planeten Erde entfernt und: Ich rauche nicht.

Foto: Jede Woche eine Demonstration: Direkt vor unserer Wohnung erfährt man regelmäßig, dass Gewerkschaften in Frankreich noch eine große Rolle spielen.

Dienstag, April 17, 2007

Uni-Alltag: Prokrastination mach ich schon

Als unser Professor Najman vor den Osterferien vorschlug, man solle doch die freie Zeit in den Ferien nutzen um das Memoir abzuschließen, vor allem da anschließend der ganze Klausurenstress anfange, war ich doch schon ein bisschen verlegen. Heute, eine Woche nach den Osterferien, stecke ich noch immer mitten in der Arbeit. Spontan habe ich mich im Studiverzeichnis der Gruppe "Prokrastination - mach ich schon" angeschlossen.
Derzeit stehe ich früh auf und verbringe meine Vormittage vor den normalen Uni-Veranstaltungen in der Instituts-Bibliothek. Ich komme generell ganz gut voran und habe etwa zwanzig Seiten geschafft. Kleiner Wehrmutstropfen: Ich schaffe es nicht von Anfang an auf französisch über mein Thema "Migrationsauswirkungen auf die Quellländer im nördlichen und subsaharischen Afrika" zu dozieren - die nächste Woche soll daher ganz der Englisch-Deutsch-Französischen Übersetzungskunst gewidmet sein - Hurra!
Eine viel schlimmere "Prokrastinatorin" (das Wort hat es mir angetan - es steht für Leute mit zwanghaftem Aufschiebeverhalten) habe ich heute getroffen. Das steigert natürlich die eigene Laune und das Selbstwertgefühl. Die junge Italienerin hat noch nicht viel mehr als das "Planning" (dieses Wort ist französisch auszusprechen) zustande gebracht und bleibt dennoch italienisch zuversichtlich.
In meinem deutschen Studienplan für Volkswirtschaftslehre ist eine Arbeit wie mein Memoir nicht vorgesehen. Von daher mache ich mir auch nicht viel Hoffnung auf eine eventuelle Anerkennung in meinem deutschen Notenheftchen. Dennoch ist so ein Memoir durchaus eine nette Übung. Zum einen hat man das Gefühl produktiv zu sein - wichtig nach einem Jahr ERASMUS. Zum anderen will der Professor immer mal wieder über den Fortschritt der Arbeit informiert werden und gewinnt so mit der Zeit Zutrauen. Vor wenigen Wochen ist Professor Najman mit mir ganz euphorisch durch diverse Sekretariate gestapft und hat mich mit meinem Anliegen überall vorgestellt: "Dies hier ist Herr Argus, ein sehr intelligenter Student aus Deutschland, er bräuchte hier eine Auskunft." Dabei hat mein Professor in der Tat keine Ahnung, wie intelligent sein Student wirklich ist - ich bin da ganz froh, dass wir die Auskunft über meine Noten des letzten Semesters doch nicht gekriegt haben. Das Zutrauen soll ja nicht gleich wieder erschüttert werden.

Foto: Weiterhin Frühlingsstimmung in Paris.

Donnerstag, Februar 08, 2007

Travaux Dirigées


Das Semester hat angefangen. Dies mal soll es doch ein bisschen produktiver zugehen und so habe ich auch einige "Travaux Dirigées" im Stundenplan stehen. Das sind quasi Seminare, die begleitend zu bestimmten Vorlesungen angeboten werden. Anstatt nur zuzuhören und mitzuschreiben, geht es in diesen Kursen auch um Mitarbeit, Referate und kleine Tests. Das klingt erstmal anstrengender, ist aber nach all der Vorlesungs-Routine ein angenehmer Nervenkitzel.

In der ersten Stunde haben wir erst einmal fünf dicke Dossiers ausgeteilt bekommen, die sämtliche Themen des Semesters umfassen. Jeder Student wird sich mit einem Thema näher beschäftigen und darüber referieren. Unsere Dozentin ist Madame Cao, eine junge Asiatin, die mir sehr umgänglich scheint und vielleicht aus eigener Erfahrung mein Fremdsprachen-Problem verstehen kann.

Das Sprachenproblem ist in diesen Kursen wahrscheinlich sogar eher geringer als in den Vorlesungen. Denn die Mitschreibe-Geschwindigkeit ist nicht so hoch. Referate und mündliche Vorträge lassen sich zuhause vorbereiten und die Interaktion mit den anderen Studenten ist sehr viel intensiver. So kommt man leichter an Hilfe und verbessert sein Französisch.

Zusammen mit einem Handwerker, der hier was zu richten hat, sind heute auch ein paar Briefe in die Wohnung geflattert. Französische Geschäfts-Korrespondenz fasziniert vor allem wegen ausschweifender Höflichkeitsfloskeln. Abschließend heute ein nettes Beispiel:

Dans cette attente et en vous remerciant pour la confiance que vous nous accordez, nous vous prions de croire, Monsieur, à nos sentiments dévoués.

Will sagen: Freuen uns auf ihre Antwort, Auf Wiedersehen.

Foto: Heute Morgen einen lauten Knall gehört. Es hat sich dann herausgestellt, dass es um die Gewerkschaft der Eisenbahn handelt, die bei uns vor dem Haus demonstriert. Warum bei uns?

Montag, Februar 05, 2007

Pussyjet


Pussyjet war wirklich nicht gerade ein glückliches Pferd. Wahrscheinlich störte schon der Name, den ihm einige wahrlich herzlose Eltern/Züchter einst gegeben haben mochten. Pussyjet war kein Pferd, dass sich gerne Pussyjet nennen ließ - soviel stand fest. Soviel und die Disqualifizierung gleich 10 Meter nach dem Start.
Und das ist die Geschichte, wie es mit unserer Wette am Wochenende leider nichts wurde. Die Pariser Trabrennbahn im Bois de Vincennes hatte zum Tag der offenen Tür geladen. Christian und Lee waren mit offenen Geldbeuteln aufgebrochen - der Name des Pferdes hatte zum Einsatz verlockt. Doch der Wettverlust blieb begrenzt. Anstatt verzweifelt zu versuchen ansteigende Wettverluste aufgrund der Unkenntnis der Materie durch abermaliges Wetten zu verringern, war ein Spaziergang durch angrenzenden Wald der Ausweg aus dem Spieler-Frust.
Zur Kaffeepause hatte sich dann bald fast die gesammte Mannschaft versammelt: Daryl, Joel, Florian, Christian, Lee, ein neuer namens Andreas und ich. Und Lees Vater - der zwar Engländer ist, beim Wetten aber auch keinen besseren Schnitt als garkeinen gemacht hatte.

Das Semester hat wieder angefangen und ich habe meinen Stundenplan noch nicht ganz geglättet. Es gibt nur wenige Fächer, die nicht mit irgendwelchen anderen Fächern in zeitlichem Konflikt stehen. Manche scheinen sogar mit sich selbst in Konflikt zu stehen. Aber, da ich inzwischen weiß wer wieviel zu spät kommt, lässt sich vielleicht noch was daran drehen. Ich sollte aber mal herausfinden, wie ich endgültig mein altes Semester in einen gültigen "Contrat d'Etudes" gieße und wo Herr Najmann schon wieder ist, um mir das alles auch noch zu unterschreiben. Außerdem gilt es noch einen "Transcript of Records" anzufertigen, Scheine einzuholen, schriftliche Aufgaben einzureichen und noch viel mehr Kram, der überhaupt keinen Spaß macht.

Dafür hat mich heute in der Metro eine Frau angesprochen. Als ich auf ihre Frage antwortete und erklärte "Economie" zu studieren, meinte sie, sie könne kotzen. Sie hat auch noch ganz viele andere interessante Dinge gemeint. Auch, dass es einen kleinen Stern gibt, irgendwo da draußen, der so heißt wie sie. Da will sie mal hin, denn die Winter in Paris, die gefallen ihr überhaupt nicht.

Winter? Naja. Es ist angenehm mild hier, es regnet ein bisschen viel und das Licht eignet sich nicht für Farbfotografie.

Foto: Wettschein in kritischer Betrachtung. Alles Verloren? Alle 2 Euro?

Sonntag, Januar 14, 2007

Billig leben in Paris (4) - Mal wieder das Essen


Heute habe ich den Blog "Paris Breakfasts" gefunden, auch dort geht es um Essen in Paris.
Eigentlich nur um den Café-Part des täglichen Essens, aber unter einem interessanten Aspekt: Der Farbe.
Die ästhetisch sehr empfindsame Autorin des Blogs zerfließt gar vor entzücken, etwa über das herrliche Grün des Cafés "Ladurée", wo wir vor einiger Zeit auch schon waren und sündhaft teure, sehr gute heiße Schokolade getrunken haben.

Doch während sie als Berufsbezeichnung "New Yorker Künstlerin" angibt, steht bei mir "Etudiant" auf der Karte und eine nur kleine Zahl auf meinem letzten Kontoauszug. Der Aspekt, unter dem ich heute das Thema Essen behandeln möchte, ist daher so viel profaner: Der Preis.

Fisch antillischer Art (wie das Gericht wohl auf deutsch heißen würde), Soupe de Poisson und einen Salat hatte ich vorgestern zusammen mit meinem Gast aus Polen im "Crous Club" hier gerade um die Ecke.
"Le Crous" ist der Name der Pariser Mensen, verteilt über das ganze Stadtgebiet bieten sie lecker Mittagessen für gerade mal zweieurofünfundsiebzig - Festpreis. Alles was es dazu benötigt ist ein gültiger Studentenausweis (von welcher Uni ist egal) und ab gehts an die Buffet-Theke. Im Preis enthalten ist ein Hauptgericht sowie zwei Beilagen, also zum Beispiel Salat und Suppe. Die Öffnungszeiten sind zwar begrenzt - aber bis zwei Uhr am Mittag hat man Zeit aus den Betten in die Mensen zu finden.

Und während bei Carol, der New Yorker Blog-Autorin, Tipps über die richtige Farbenwahl beim Paris-Urlaub ausgetauscht werden, habe ich einen wohlgefüllten Bauch und das gute Gefühl, das schöne Grün in meinem Geldbeutel ausreichend geschont zu haben.

Foto: Auch ein sehr schönes Grün ist dieser Banane zueigen, die Martin gerade beim Erstversorgungsladen in der Gegend von Gare de l'Est erstanden hat.

Freitag, Januar 12, 2007

Prüfung geschafft


Meine wichtigste Prüfung am Ende des ersten Semesters in Paris war Economie du Développement. Aber obwohl es sich hier um eine Uni handelt, würde ich den Schwierigkeitsgrad eher im Bereich einer normalen Oberstufen-Klausur an der Schule ansiedeln. Ein paar Stunden in der Institutsbibliothek und einige Mitschriften von Kommilitonen reichten aus, um mit einem angemessen sicheren Gefühl am Prüfungstermin vor dem Saal 103 aufzulaufen.

Die Mitschriften von französischen Kommilitonen sind noch immer ergiebiger als meine eigenen, da es doch noch immer gelegentlich zu Lücken kommt. Kein Wunder, wenn ich versuche gleichzeitig französisch zu verstehen, Fachwörter ins Englische zu übersetzen, dabei selbst gelegentlich noch auf deutsch denke und auch noch System in die Niederschrift bringen will. Ich bin also in einem babylonischen Sprachwirrwarr gefangen, außerdem in einem französischen Organsiations-Chaos : Meine Prüfung beginnt mit einer Stunde Verspätung und sieht vollkommen anders aus als angekündigt.

Unser Lehrer hatte erklärt, er verlange von uns ein Essay zum Thema, er unterfüttere uns zu diesem Zwecke lediglich mit Graphen, einigen Statistiken und vielleicht einem kurzen Zeitungsartikel. Fragestellung, Aufbau der Argumentation und so weiter oblägen demnach unserem Gusto. Am Ende bekamen wir eine vollkommen ordinäre Klausur mit ordinären Fragen zu Harrod-Domars Wachstums-Modell und Ähnlichem vorgesetzt. Nicht unbedingt schwer, aber doch viel langweiliger.

Nach getaner Arbeit habe ich das abgeschlossene Semester im Pariser Mix-Club mit einigen Freunden ausgiebig gefeiert. Viele meiner Kommilitonen fahren schon nach diesem ersten Semester wieder nach Hause. Die meisten von ihnen sind froh darüber. "Ich muss endlich mal wieder weiter kommen mit meinem Studium" ist ein gängiges Argument. Und natürlich vermissen viele ihre Freunde und die Familie zuhause. Die kürzlich zuende gegangenen Weihnachtsferien scheinen das Heimweh bei vielen noch verstärkt zu haben. Mir selbst geht es gar nicht so. Ich wollte noch lange nicht wieder nach Hause. Was sollte ich jetzt in Mainz? Einfach weitermachen wie zuvor? Gerade habe ich mich richtig bequem in Paris eingerichtet - das möchte ich auf jeden Fall so lange wie möglich weiter auskosten.

Auch was die Sprache angeht, habe ich nicht das Gefühl, dass ein halbes Jahr ausreicht. Ich verstehe inzwischen zwar das allermeiste, habe keine Probleme mehr fern zu sehen oder Radio zu hören. In der Regel kann ich mich auch selbst ganz gut verständlich machen. Doch ich glaube, dass ich vieles sehr schnell wieder verlieren würde, und dass das bisher gelernte noch lange nicht ausreicht um zufrieden zu sein. Das Gefühl teilen viele, die jetzt wieder nach Hause fahren. Eine Sprache lernt man nicht in einem halben Jahr.

Foto: Gesellschafts-Eislaufen unterscheidet sich vom Eis-Kunst-Lauf durch das Fehlen atemberaubender Figuren und Sprünge, zeichnet sich dafür aber durch das gemütliche dahingleiten aus, das zu sozialer Kontaktpflege genutzt werden kann. Auch ein kleines Päuschen bei mitgebrachter Mousse au Chocolat ist durchaus erlaubt.

Dienstag, Januar 09, 2007

"La politique des petits pas"


Heute war der erste Tag an der Uni im neuen Jahr. Als vorbildlicher Musterschüler habe ich mich gleich nach dem Aufstehen, so etwa um elf, auf den Weg gemacht. Und bin auch bis die Bibliothek geschlossen hat geblieben.
Hintergrund ist, dass am Donnerstag eine Prüfung in Entwicklungsökonomie ansteht und der gute alte Professor in Mainz uns vor etwa einem halben Jahr noch einbläute "Ich will nicht, dass jemand von meiner Uni da hingeht und keine Ahnung von Tuten und Blasen hat!"
Außerdem hatte ich für den ersten Uni-Tag eine kleine Hausaufgabe zu erledigen gehabt, die darin bestand, Material für unsere Stunde über die deutsche Ratspräsidentschaft in der EU zu sammeln. Im Zuge dessen hatte ich zwei Artikel herausgesucht - einen aus dem "Nouvel Observateur" und einen aus "Le Monde", in denen lustigerweise auch ein paar (zum Teil falsch geschriebene) deutsche Worte vorkamen. Mein Professor sah sich in der Stunde dann genötigt, Ausdrücke wie "Politik der kleinen Schritte", "Jürgen Klinsmann" und "Mannschaft" auszusprechen (alles mit netten s- ch- und sch- Lauten...).
Abends nach der Uni habe ich meinen Mitbewohner vom RER-Bahnhof abgeholt, wo er mit drei großen Tüten vom IKEA ankam, um unsere neue Wohnung fertig einzurichten. Auf dem Weg zur Sperre klingelte sein Handy. Als er wieder aufgelegt hatte, verkündete er mir freudestrahlend, dass Morgen in Paris der Schlussverkauf beginne. Als er mir erklärte, er werde seinen letzten Ferientag und einen erheblichen Anteil seines Geldes genau darauf verwenden, mit Daryl durch die Stadt zu ziehen, während ich in der Unibibliothek brüte, kam ich mir doch recht verheiratet vor.
Später am Abend holte Lee dann noch eine CD aus einer seiner zahlreichen Einkaufstaschen und präsentierte mir stolz: "The Russian boys from Châtelet". Die (schon etwas älteren) Jungs trifft man regelmäßig in der größten Pariser Metro Station, wo sie mit einem regelrechten Orchester Liedgut aus den Tiefen der sibirischen Steppe zum Besten geben und ihre CDs verkaufen. Jetzt haben wir die angenehme Atmosphäre dieser Metro-Station auch bei uns zuhause. Ich würde sagen, der Haushalt ist komplett.

Foto: Außen hui und innen pfui? Von wegen, mit russischer Steppenmusik und neuen Vorhängen von Ikea lässt es sich auch drinnen wunderbar aushalten.

Donnerstag, Dezember 14, 2006

Éco du Développement


Heute hatten wir das vorletzte Mal vor den Weihnachtsferien "Economie du Développement". Das Fach gefällt mir ganz gut, schon von Haus aus und bei Monsieur Najman ist es auch immer recht anschaulich. Der Vorteil ist vielleicht, dass unsere Uni in Creteil liegt, in einer Stadt also, die schon länger eng mit der Entwicklungsproblematik Nordafrikas eng verbunden ist.

Will heißen: Wir haben Informationen aus erster Hand und wenn wir für ein Rechenbeispiel gerade mal die aktuellen Preise für Hühnchen auf dem Markt von Dakar im Senegal brauchen, fragt Herr Najman einfach einen afrikanischen Studenten aus dem eigenen Kurs. Auch wenn es um die Migrationsproblematik in der Straße von Gibraltar geht oder um die Kosten für Visa in Europa - in der Klasse ist jede dieser Erfahrungen schon dagewesen. Es ist auch tatsächlich eines der wenigen Fächer an der Uni, in dem man rege Mitarbeit zumindest einiger Studenten beobachten kann.

Monsieur Najman ist immer sehr bemüht, seine Schülerschaft zu motivieren, doch mit seinen französischen Tugenden - zu spät ankommen und lange Pausen - macht er seinen eigenen Mühen gelegentlich einen Strich durch die Rechnung. Von Zeit zu Zeit wird die Stunde auch zur Erzählrunde, wenn von den speziellen Schwierigkeiten junger Frauen im Maghreb die Rede ist oder die aktuelle Presse Anekdoten zum Thema beisteuert.

Heute habe ich mir in der Bibliothek die Modelle von Harrod Domar und Solow nochmal angesehen, die wir auch schon in unserem Kurs behandelt haben. Das Buch, das ich dafür benutze ist, wie die meisten in diesem Fach, in englisch geschrieben - für viele Franzosen in unserem Kurs ein Problem. Und so geht auch noch etwas mehr Unterrichtszeit nach der Zigarettenpause drauf, wenn Monsieur Najman das Wort "household" nochmal buchstabieren soll.

Einem Verfall der Disziplin unter den ausländischen Studenten versuchen indes die zwei Mädels aus dem Delcife-Büro zu verhindern. Jedesmal wenn man hereinkommt, wird man erstmal schief angeschaut. Dann wird man an die verantwortliche Stelle verwiesen als ob man das längst wissen müsste. Als nächstes wird die Unordnung in den mitgebrachten Unterlagen bemängelt ("Da ist ein Blatt von der Immatriculation pédagogique unter den Unterlagen der Fremdsprachenkurse - junger Mann - c'est un bordell!"). Bei den Mitstudenten, deren Französisch noch etwas schwächer ist, wird erstmal extra schnell gesprochen - und generell sind keine Plätze in den Kursen mehr frei.
Erst etwas später im Semester findet man heraus, dass die beiden Mädels eher zum Selbstzweck existieren, da frei nach französischer Mentalität jegliche Organisation in der Praxis ohnehin über den Haufen geworfen und jeder nachkommende Student doch noch in den Kurs aufgenommen wird.

Foto: Nachtrag zur Königsdebatte vom letzten Eintrag: Ist da nicht ein klein wenig Königlichkeit in diesem Gesicht? Florian mit einer Ausgabe von "Florian et le petit prince".

Mittwoch, Dezember 06, 2006

Saint Nicolas - c'est qui?


Heute ist Nikolaus - aber keiner geht hin. Das Fest gibt es hier nicht. Und auch auf dem Postamt hat man noch nichts von einem Paket gehoert, dass mir der Nikolaus eigentlich dort hinterlegen wollte.

Aber irgendwie werde ich hier besonders weihnachtlich, eben gerade weil das hier gar nicht so ein Riesentrubel ist. St Nicolas? Ja! Das feiern sie im Osten, im Elsass - da sollte man ja unbedingt mal auf den tollen Weihnachtsmarkt von Strasbourg gehen, hiess es heute in unserem Franzoesisch-Kurs. Kurz darauf stuermte eine Gruppe junger Weihnachtsmaenner aus dem umliegenden Banlieue das Uni-Gebaeude und verursachte einen Feueralarm mit kompletter Evakuierung.

Anhand solcher Feste sieht man mal wieder, wie wenig die Europaeer uebereinander wissen. Welcher Deutsche hat sich schon mal Gedanken darueber gemacht, dass es Weihnachtsmaerkte ausserhalb unserer Heimat fast nicht gibt? Und ebensowenig hat Otto-normal-Spanier eine Ahnung davon, was Nikolaus eigentlich ist. Man interessiert sich doch nicht fuer tuerkische Bischoefe.

Weihnachten ist vor allem in Deutschland ein grosses Fest - ueberall sonst feiern Coca Cola und Santa Claus. In Deutschland liegt es vor allem an den Protestanten (ein Hoch auf die Protestanten!), dass man ueberall Plaetzchen backt und Weihrauch atmet. Im katholischen Frankreich ist Ostern das wichtigere Fest.

Und so sind wir heute auch in unserem Franzoesisch-Kurs, nachdem der Feueralarm aufgehoben war, unbeeindruckt zu Alexandre Dumas uebergegangen.

Foto: Eine Stimmung wie in der Mittelstufe: Schnell werden in der letzten Reihe noch die Hausaufgaben (von mir) abgeschrieben...

Montag, Dezember 04, 2006

Wenn der Weihnachtsmann zweimal klingelt (oder zu frueh)


Weihnachten naht und Paris wird in das Licht tausender Girlanden getaucht. Sogar im fernen Creteil, wo ich mal wieder vorbeigeschaut habe, erhellt die Festbeleuchtung einige ansonsten des nachts bedrohlich dunkle Flecken.

Am Wochenende hatten wir unseren ersten Advents-Kaffee, echt mit Zimtsternen und Spekulatius. Sowas ist garnicht so leicht aufzutreiben, soweit weg vom Mutterland der froehlichen Weihnacht, aber es gibt Geruechte, nach denen es hier sogar Elisen-Lebkuchen zu haben gibt - ganz kleine nur und sicherlich teuer, aber wir sind schonmal gespannt auf den zweiten Advent.

Etwas hat der Weihnachtsmann schon heute hier abgegeben: Meinen neuen Mitbewohner fuer das verwaiste Doppelzimmer in Creteil. Sein Name ist Bogdan, er kommt aus Rumaenien, macht aber einen ganz netten Eindruck. Die Sache kommt etwas ueberraschend, ich hatte mich schon auf ein leeres Zimmer bis ins neue Jahr gefreut, aber da ich ja wie gesagt sowieso fast nie da bin in der letzten Zeit, duerften wir kaum Probleme miteinander kriegen. Ich spreche kein Rumaenisch und er kein Deutsch - ein perfektes Uebungsfeld fuer unser Franzoesisch ist es also zudem. Wobei es allerdings gewaltiges Nervpotential hat, staendig nur radebrechendes Franzoesisch zu hoeren. Wenn ich schon nicht so perfekt in dieser Sprache bin, sollte es doch bitte der andere sein.

In der Uni naehern sich die Klausuren und die 30 Punkte-Regel hat mal wieder bei einigen Kommilitonen fuer Transpirations-Schuebe gesorgt. (Zur Erinnerung: Die Regel besagt, ohne die Spezifizierung von weiteren Sanktionen bei nicht-befolgen, dass im Semester 30 ECTS-Nonsense-Punkte zu erbringen sind) Da auch bei mir diese Huerde aufgrund sprachlicher und sonstiger nicht-Kompetenz gerissen werden wird, habe ich mich nun einmal vorgewagt und eine Mail an meine Uni geschrieben. Dort erinnert man sich an garnichts und verspricht mir mein Stipendien-Gehalt auch fuer die Belegung eines einzigen studienrelevanten Faches im Semester. Na dann: froehliche Weihnachten!

Foto: Irgendwo zwischen Boulevard St Germain und Seine (auf dem linken Seine-Ufer also) stehen diese Lampe, diese Baeume und diese (mir sehr wohl bekannte) Person.

Montag, November 27, 2006

Landpartie und Leistungsnachweise


Am Sonntag gab es einen hübschen Sonntagsspaziergang im Park des Schlosses von Versailles. Genauer in einem der zahlreichen umgebenden Parks, im englischen Garten. Florian, der Kunsthistoriker, hatte eine nette Kunsthistorikerin aufgetan, die sich ebenfalls anschloss. Ein Freund von Christian (nicht aber der selbst, da er an einer Form der Halslepra - vielleicht auch an Erkältung leidet) und Lee, ein Gentleman aus England waren ebenfalls mit von der Landpartie.
Florian hat sich für derartige Unternehmungen auch schon den richtigen Auftritt zurechtgelegt: In gedeckten Brauntönen und stets mit Regenschirm immitiert er den Hanseaten bei Landgang fast perfekt. Besonders stolz ist der Hobby-Konservative auf seinen Schirm, weil der wahrscheinlich mal dem wichtigsten Kunsthistoriker Deutschlands, einem Herrn Warnke gehörte, der den Schirm angeblich im Institut vergessen haben soll.
Mit seinen Hintergrundinformationen sind solche Ausflüge natürlich sehr lehrreich, aber so eine Balade macht nach der ganzen Stadtluft der letzten Wochen vor allem auch Spass.

Metrofahren zum Beispiel ist inzwischen eine wirklich ermürbend regelmäßige Beschäftigung geworden. Jeden Tag verbringe ich etwa zwei Stunden im Untergrund. Wichtig ist es da, stets ein gutes Buch dabei zu haben. Auf diese Weise plane ich im Verlauf des Jahres noch einen Gutteil der zeitgenössischen Literatur durchzuarbeiten, gerade lese ich von apokalyptischen Attacken aufgebrachter Meeresbewohner auf die zivilisierte Welt.

In der Uni habe ich heute mal wieder etwas länger auf meinen Kursleiterfür den Eco-Francais-Kurs gewartet und das Gespräch mit den Umstehenden kam auf Studienleistungen während des ersten Auslandssemesters. "Wieviele Kurse belegst du?" ist dabei die Gretchenfrage. Natürlich sind 30 ECTS Punkte vorgeschrieben, aber nachdem ich zunächst den Eindruck hatte, nur bei mir würde das so nicht ganz passen mit den Kursen, erfährt man inzwischen mehr über die Probleme der anderen. Der erste Student in der Runde, der sich heldenhaft vor traut und sich mit seinem Geständnis quasi nackt auszieht vor seinen Kommilitonen gibt schamhaft zu: "Zwölf Stunden die Woche."
Eine Slowenin fasst Mut und gibt zurück: "Drei Stunden die Woche."
Kurzes Staunen über soviel Selbstsicherheit und dann fallen alle Barrieren. Kurzum: Ich steh nicht schlecht da, mit meinen derzeit etwa einem dutzend Kursstunden die Woche. Die Mehrzahl der Kursstunden wird in diesem Semester, wie bei den meisten Ausländern, mit Sprachkursen bestritten, nur in wenigen Fachkursen sind genügend Ausländer vertreten, um den Dozenten einen rücksichtsvolleren Dozier-Stil abzugewinnen. Aber die Situation verbessert sich: Inzwischen komme ich auch bei rein französischen Vorlesungen besser mit als nur in Fünf-Sätze-Häppchen - für Ambitionen auf die Klausuren zwar zu spät, aber ich sehe dem nächsten Semester schon recht positiv entgegen.

Fotos: Pseudo-hanseatisches Pärchen in Versailles (oben) und Abendstimmung vor dem Eingang zum englischen Garten (unten).

Mittwoch, November 22, 2006

Lila-Laune-Barometer


Das Laune-Barometer in Paris ist mal wieder am Anschlag und das liegt nicht nur an der Tatsache, dass mein latent depressiver Mitbewohner eine neue Bleibe gefunden hat und nun auszieht.

Whatsoever, in der letzten Zeit bin ich nur selten in den eigenen vier Wänden.

Im online-Spiegel habe ich gerade eine Geschichte über die Pariser Metro gelesen. Dort wird berichtet, dass ein "Fahrgastzwischenfall" stets einen Selbstmord auf den Gleisen bedeutet. Demnach hatten wir also gerade gestern wieder einen lebensmüden Pariser. Wenn es außerdem stimmt, dass jeder weiß was "Fahrgastzwischenfall" bedeutet, stört es Pariser herzlich wenig, wenn sich einige von ihnen hin und wieder das Leben nehmen. Ein Freund meinte, er findet es immer sehr selbstgerecht, sich in (oder unmittelbar vor) öffentlichen Verkehrsmitteln das Leben zu nehmen. Immerhin stört man damit taunsende anderer Menschen in ihrer Tagesplanung. Der Zwischenfall gestern war aber nach kaum einer halben Stunde schon wieder geregelt.

Am Wochenende habe ich mich mit den anderen "drei von der Tankstelle" im Marais getroffen. Ein Typ, den Christian nur mal kurz in einer Bar des Viertels kennen gelernt hatte, lud ihn kurzerhand zu sich nach Hause ein. Nicht mit eingerechnet hatte der Einladende (denke ich mal), dass wir insgesamt zu neunt wären, wenn Christian schließlich mit der gesamten Entourage auftreten würde. Doch der gute Mann arbeitet für L'Oreal und leistet sich eine geräumige Stadtwohnung im Marais - bot uns wildfremden sofort Getränke und Gebäck an und so verbrachten wir eine sehr nette Aufwärmrunde (alkoholisch gesehen). Florian erinnerte sich plötzlich dunkel, in dem Haus schon mal jemand anderes gekannt zu haben - erstaunlich wie man so rum kommt. Anschließend ging es zu "Crazyvores" und der Abend wurde sogar noch eine Ecke netter.

Die neue Woche hat dann mit den gewöhnlichen Studienveranstaltungen begonnen und in meiner Klasse für "Expression orale" wurde es am Dienstag knifflig. Das Gespräch war irgendwie auf Globalisierung gekommen und da wirklich alle darauf einprügelten fühlte ich mich verlockt dem zu widersprechen. Jetzt halten mich vielleicht alle für neoliberal und böse (man lässt sich eben zu so manch gewagter Äußerung hinreißen) aber dafür habe ich meinem Französisch einen Dienst erwiesen.

Doch all das ist auch nicht der wirkliche Grund für meine gute Laune...

Foto: Himmelwärts! Obelisk und Eiffelturm in Abendstimmung.

Musik gefällig? Hier ein netter französischer Radiosender online.

Montag, November 13, 2006

Beschwerden


Unsere Französisch-Lehrerin in meinem Grammatik-Kurs hat sich über das niedrige Niveau unseres Jahrgangs beschwert. Der Lehrer im Informatiklabor hat sich gleich im Allgemeinen über dieses Hundeleben in Paris und Umgebung beschwert und angekündigt sich für das nächste Jahr in den Ruhestand und in die Bretagne abzusetzen.
In einer persönlichen Unterhaltung mit ihm, um die ich sicher nicht gebeten hatte, erklärte er mir später, dass er bereits vor Jahren den Liegeplatz für sein neues Boot reserviert hat, da die Wartezeit für einen Liegeplatz in einem südbretonischen Hafen derzeit acht Jahre beträgt. Wir könnten auch gerne mal vorbei kommen und von seinen gefangenen Fischen probieren.
Aber zurück zur Kritik meiner Französisch-Lehrerin. In meinem Grammatik-Kurs schreiben wir jede zweite Stunde eine Klausur und in der ersten dieser Klausuren habe ich denkbar schlecht abgeschnitten. 11,3 ist eine Note etwa auf halber Strecke zur 20, was in Frankreich die Bestnote darstellt. Und das, obwohl ich augenscheinlich einer der besten französisch-Sprecher dieser Klasse bin. Zugegeben - Grammatik-Regeln waren noch nie meine Stärke. Wenn ich spreche kann ich mich in vielen Fällen bereits auf mein Gefühl verlassen, nicht aber bei den Sätzen, die es in der Klausur zu bilden galt.
Inzwischen kann ich bei einem Gespräch zwischen Franzosen (etwa wenn ich, wie anfang der Woche von Arnaud zu Freunden mitgenommen werde) ganz gut mitmachen und habe auch immer weniger Probleme mich auszudrücken. Der Wortschatz wächst mit einer gewissen Geschwindigkeit und auch das Sprachgefühl stellt sich ein. Aber wie gesagt - nur wenn ich mir selbst aussuchen darf in welcher Weise ich formuliere. Offenbar umgehe ich dabei automatisch hinterhältige "dont"-s und ähnliche Formulierungen. Daher habe ich mir jetzt erhöhte Aufmerksamkeit verschiedenen Grammatikthemen gegenüber verschrieben. Mal schauen, ob also diese Woche meine Klausur ein bisschen besser ausfällt.

Foto: Demnächst in diesem Blog: Mein Kurzurlaub in Warschau - Schlangestehen wie damals? (Tatsächlich eher: Schlangestehen vor dem Louis-Vuitton-Store auf den Champs Elysées.)

Donnerstag, November 02, 2006

Richtigstellungen



Ein so viel gelesenes "interaktives Magazin" ist natürlich nie ganz fehlerfrei und zieht so manche Kritik auf sich. Einer meiner härtesten Kritiker ist wohl Arnaud, der sich nun in schriftlicher Form an die "Redaktion" gewandt hat.

Hier einige Auszüge:

"pfff, alles was du geschrieben hast, stimmt nicht...

Laurent ist der Sohn des EHEMALIGEN Botschafters in Polen

Die Veranstaltung war ein "cours magistral", eben kein Seminar, wo es interaktiv sein soll...und die Besonderheit von ScPo liegt eben darin, dass wir bei den Prüfungen eben nicht auswendiglernen müssen, weil wir "dissertations" schreiben...und auswending zu lernen wäre dabei nicht von großer Hilfe...

schlecht Simon, sehr sehr schlecht ..."

und weiter:

"Ich könnte dir vor Gericht ziehen ! ...;-)"

darauf die "Redaktion":

"entweder könntest du MICH vor Gericht ZERREN,oder MIT MIR vor Gericht ziehen. Auf wiedersehen."

(Die "Redaktion" hat schwerwiegende Rechtschreibfehler korrigiert, den Wortlaut jedoch beibehalten).

Zum Tagesgeschäft: Florian, der Kunsthistoriker war auf dem Friedhof "Père Lachaise" unterwegs und hat dort unter anderem, wie ich vor ein paar Tagen, das zugeküsste Grab von Oscar Wilde gesehen. Beim Abendessen bei ihm zuhause verfiel er dann augenblicklich ins Schwärmen für den Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg, der auch nicht ganz schlecht sei. "Und die Rhododendren-Büsche überall - herrlich!"
Ich war letztens zu ungewöhnlicher Uhrzeit auf den Champs Elysées unterwegs, wartend auf die erste Metro des Tages.
Ich unterhielt mich auf einer Bank mit einem Freund, als der plötzlich eine nahende Gestalt bemerkte, die uns kurz darauf um etwas Kleingeld bat. Zunächst ging ich davon aus nur einen weiteren besoffenen und etwas Nähe und Geborgenheit suchenden Partybesucher getroffen zu haben, doch sehr bald schon sollte ich meine Meinung ändern: Fünfzig Euro verlangte der gar nicht soo Betrunkene und als Argument bedrohte er uns mit dem Messer. Leider war weit und breit niemand sonst zu sehen und so schlugen wir uns etwa fünf Minuten mit dem Typen herum, der abwechselnd meine Begleitung und mich bedrängte und bedrohte, bis endlich ein Schwarzer dazwischen kam und den Spuk beendete. Die fünfzig Euro haben wir behalten.

Foto: Englischer Garten von Versailles.

Samstag, Oktober 28, 2006

Bei den Guten


Sprösslinge großer Französischer Familien und sehr begabte Schüler aus aller Welt dürfen in Paris die Science Po besuchen. Alldiese und auch ich, lediglich mittelbegabter Sprössling einer ganz und gar unfranzösischen Familie. Es kommt eben auf die richtigen Bekanntschaften an - etwas, auf das in Frankreich noch sehr viel mehr Wert gelegt wird als anderswo. Vielleicht kommt mir das aber auch nur so vor, denn es verhält sich nun mal so, dass alle, die in Frankreich etwas zu sagen haben oder haben wollen in Paris sind. Und nach dem Gesetz der großen Zahlen ist es also sehr viel wahrscheinlicher in dieser Stadt die richtigen Leute kennenzulernen.
Im Endeffekt bin ich also quasi reingerutscht - in eine Vorlesung an der Science Po am Freitag Morgen, zum Thema "la naissance du liberalisme". Auf der Straße vor dem ehrwürdigen Gebäude in der Rue Saint Guillaume warte ich in einer Traube von lauter supergescheiten Studenten - dem besten was Frankreich in die Politik (und heutzutage noch vielmehr in die Wirtschaft) entlassen kann und fühle mich ein bisschen primitiv - nicht nur was den Kleidungsstil anbetrifft. Arnaud begrüßt mich mit beachtlich wenig Verspätung an diesem Morgen und auf dem Weg in den Vorlesungssaal begrüßt er noch kurz einen seiner Studienkollegen - den Sohn des französischen Botschafters in Polen - der aber seinerseits gerade in eine Konversation mit anderen Konsulars- Aristokraten- und Wirtschaftsgrößen-Söhnen vertieft zu sein scheint.

Der Professor heißt Raynaud und soll auf seinem Gebiet in Frankreich eine der ganz großen Leuchten sein, bringt aber selbst wenig Esprit in die Veranstaltung. Hinter dem mächtigen Pult des Hauptvorlesungssaals des Gebäudes sieht man kaum mehr als seinen breiten Kopf. Auf die Ellbogen gestützt erzählt er ungerührt von den Theorien von Hobbes und Locke und seine Aussprache ist so unbemüht, dass mir regelmäßig die letzten Worte seiner langen Sätze entgehen. Dennoch komme ich nach einiger Zeit ganz gut rein und verstehe die Mehrheit dessen, was er zu berichten hat.

An meiner eigenen Uni in Creteil, die wohl eher mit einer deutschen Fachhochschule zu vergleichen ist, habe ich noch ein bisschen darüber gelächelt, wie emsig sämtliche Studenten den Stoff der Vorlesungen mitschreiben um ihn dann auswendig zu lernen. Mit leichter Verwunderung stelle ich nun fest, dass es auf der besten Schule des Landes kein bisschen anders zugeht. Auf allen Bänken liegen Blöcke oder klappern die Tastaturen der Laptops und mit akribischer Sorgfalt wird jedes Detail notiert. Auch hier ist die Devise: Auswendiglernen, was der Professor vorbetet. Aber eben in einer edleren Atmosphäre.

Nach der Vorlesung steht noch ein kurzes Treffen mit einer Kommilitonin von Arnaud auf dem Plan, die ihm einen polnischen Text korigieren soll. Anschließend gehen wir einige Straßen weiter in die nächste Mensa von "Crous de Paris". Hier fühle ich mich dann nicht mehr ganz so abseitig. Auch ganz "normale Studenten" von der Sorbonne sind da.

Fotos: Oben: Arbeitstreffen in der Cafeteria, Unten: Der "Pausenhof" von Science Po.

Dienstag, Oktober 24, 2006

Ein Konto bei der Weltbank


Heute Morgen hieß es früh aufstehen: Die Filiale der Weltbank in Paris lud zur Vorstellung des "World Development Report" und nach einem Hinweis durch unseren Professor hatte ich mich auf die Gästeliste setzen lassen.
Die Weltbank, mit dem wenig sympathischen Herrn Wolfowitz an ihrer Spitze, hat den Auftrag die Entwicklung benachteiligter Länder durch Beratung und finanzielle Hilfen anzutreiben. Jedes Jahr wird der "World Development Report" veröffentlicht, der sich jeweils auf einen Schwerpunkt der Entwicklungsprobleme fokussiert. Dieses Jahr ist das Thema des Berichts die große Gruppe der 12-25 Jährigen Jugendlichen, die eine Ausbildung auch über einfaches Schreiben und Rechnen hinaus benötigen.
Nach der Sicherheitskontrolle im "Centre international des congresses Kléber" fand die Empfangsdame tatsächlich meinen Namen zwischen dem vieler arrivierter Herren in feinen Anzügen und da ich nicht der einzige von unserer Universität war, der im Sitzungssaal Nr 8 platz nahm, freute sich die Moderatorin der Veranstaltung über so viel junges Publikum.
Hinter den Mikrofonen nahmen drei Herren und zwei Damen Platz. Der jüngste von ihnen war der Herr von der Weltbank, die Dame mit den roten Haaren links von ihm die Moderatorin.
Auf der Gegenseite: Vertreter der NGOs sowie des französischen Staates, die den Bericht kommentierten.
Zunächst wurde der Bericht vorgestellt - dann zerissen. Der arme Mann von der Weltbank (lustiger Ausdruck irgendwie) hatte alle Mühe mit seinem leicht eingeschränkten Französisch all den Professoren und Dozenten im Saal (und einem Ex-Mitarbeiter derselben Bank) stand zu halten, die alle ganz anderer Meinung waren. Das Glück war nicht auf der Seite des kleinen Mannes von der Weltbank, als irgendein Protestler auf der Straße vor dem Gebäude auch noch seine Hupe auf Dauerbetrieb stellte und die Veranstaltung so einige Minuten lang störte.

Jetzt kann ich mir überlegen ob ich genug verstanden habe um meine Semesterarbeit (die gerade zu einer Jahresarbeit ausgeweitet wurde) mit dem Bericht zu bereichern. Ich bin noch immer auf der Suche nach einem Thema, dass ich gut bearbeiten kann.

Fotos: Oben: Präsentation des Welt-Entwicklungsberichts in Paris, Unten: Entwicklungshilfe, wie sie in unserem Wohnheim praktiziert wird.

Montag, Oktober 09, 2006

Bon CV?



Ich muss den Blog-Titel ändern. Arnaud ist schuld daran. Gestern Abend war ich mal wieder bei ihm zu Besuch, ein bisschen was trinken - und eben auch im Internet rumsurfen.
Er erklärte mir, es sei lächerlich, zu schreiben, ich sei aufgrund eines ERASMUS-Stipendiums hier. Das Stipendium beträgt eh nur 90 Euro im Monat und wäre ja wohl nicht zu vergleichen mit einem echten Stipendium, wie zum Beispiel des akademischen Auslandsamtes oder einer vergleichbaren Einrichtung.

Er beließ es noch nicht dabei, sondern steigerte sich in eine kleine Ansprache hinein: Ich hätte ja nicht viel geleistet um dieses Stipendium zu kriegen - jeder könne das. Ein echtes Stipendium - ja das habe vielmehr mit Leistung zu tun und ist etwas mit dem man gerne im eigenen CV (Lebenslauf) Punkte sammelt.

Ich fand das erstmal lustig - aber Arnaud denkt wie viele Franzosen (und auch wie einige Deutsche, wobei ich das Gefühl habe, dass diese Denke hier mehr verbreitet ist.). Ein perfekt durchgestyltes CV ist hier alles und ein bedeutendes Statussymbol. Jeder, der etwas auf sich hält, hat das persönliche CV in perfektem Layout auf dem Computer gespeichert und hält es ständig auf dem Laufenden. Stipendien, Sprachkenntnisse, Zusatzqualifikationen und ganz wichtig: Der Name der Universität oder Grande Ecole, auf der man studiert. Ich habe das Gefühl, vieles im Studium in Frankreich hängt vom Ruf ab, den die Schule hat, auf der man sich anmeldet. Namen und Titel sind viel wert - Arnaud geizt nicht damit, er kann auch einiges Vorweisen. Ziemlich oft betont er, dass nicht jeder auf der Science Po studieren darf - der Universität von Chirac und Sarkozy.
Aber eben deshalb nimmt Arnaud "Anstoß" daran, wenn jemand (ohne sich dabei etwas zu denken) sich mit falschen Federn schmückt.

Amüsanterweise hat Arnaud nicht nur sein eigenes CV auf dem Computer gespeichert, sondern auch diejenigen seiner beeindruckendsten Freunde - zum einen wohl aufgrund von Bewunderung, zum anderen auch, weil man sich gerne im Glanze erfolgreicher Menschen sonnt. Ich gebe zurück, dass ich von dieser Art Kult nicht viel halte. Meiner Meinung nach, kommt es nicht so sehr auf die beeindruckenden Namen von Stipendien und Universitäten, sondern eher auf Fähigkeiten und Persönlichkeit an - Dinge, über die ein CV nur bedingt Aufschluss gibt.

Dennoch gebe ich mich schließlich in gewisser Hinsicht geschlagen: In der zweiten Zeile des Blog-Titels steht nun nicht mehr "Mit einem ERASMUS-Stipendium", sondern "Im Rahmen des ERASMUS-Programms...". Wie um zu beweisen, dass all die Aufregung nicht ganz ernst gemeint war, fügt Arnaud noch hinzu: "Ich würde mit niemandem ins Bett gehen, dessen CV ich nicht gelesen habe."

Foto: Wahlkampfauftakt? Seitenstraße des Blvd des Champs Elysée.